Fritz Barth

Reichskanzler Heinrich Brüning 1931 in Wildbad

Die Vorgeschichte zum Sturz Brünings, der seit 1930 Reichskanzler war, begann im Herbst 1931. Er verspürte damals die zunehmende Unsicherheit des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg gegenüber der Innenpolitik der Reichsregierung.

Am 24. August 1931 traf sich Reichskanzler Brüning in Wildbad mit General Kurt von Schleicher, der von Dezember 1932 bis Januar 1933 selbst Reichskanzler wurde, und mit dem General der Infanterie und Chef der Heeresleitung der Reichswehr Freiherr Kurt von Hammerstein-Equord um sich deren volle Unterstützung zu vergewissern, die ihm dort zunächst zugesichert wurde. Begleitet wurde Brüning von seinem Parteifreund, dem Zentrumspolitiker Ludwig Kaas.

In der amtlichen Kurliste des Wildbader Badblattes sind am 16., 23. und 30. August 1931 General Kurt von Schleicher und am 23. und 30. August 1931 General Freiherr Kurt von Hammerstein und seine Ehefrau Freifrau Maria von Hammerstein als Kurgäste im Badhotel aufgeführt. Reichskanzler Brüning erscheint nicht als Kurgast, da er die beiden einflußreichen Generäle an ihrem Kurort kurzfristig und vertraulich aufgesucht hatte.

Nach der ihm zugesagten Unterstützung der Reichswehr-Generäle hielt Reichskanzler Brüning an seiner Politik und auch an den Notverordnungen* fest. Auch Reichspräsident von Hindenburg stützte die Regierung Brüning weiter, als ihm die Zusicherung der Reichswehr-Generäle zugetragen wurde.

Allerdings, als General von Schleicher am 6. September 1931 aus Wildbad nach Berlin zurückkam, entwickelte er, sicher auch in Absprache mit General von Hammerstein, gegenüber dem Reichskanzler im Gegensatz seiner ursprünglichen Zustimmung „… ein Programm der völligen Änderung der personalen Zusammensetzung des Reichskabinetts im Sinne einer extremen deutschnationalen Orientierung.“**

Eine Woche darauf forderte auch Hindenburg von Brüning eine Kursänderung nach rechts, wollte aber im neuen Kabinett weder Hugenberg noch die NSDAP vertreten sehen. Allerdings sollten die für die Rechte nicht tragbaren Reichsminister Wirth, von Guerard und Dr. Curtius durch andere Persönlichkeiten ersetzt werden.

Trotzdem überschlugen sich die Ereignisse: Harzburger-Treffen, Reichspräsidenten-Wahl, SA-Verbot, Rücktritt Reichswehrminister Groener, Verhandlung Schleichers mit Adolf Hitler, Streit um die neuen Notverordnungen und Maßnahmen gegen die verschuldeten Gutshöfe entfremdeten auch Hindenburg weiter von Brüning. Dies alles hat zum Sturz des Reichskanzlers Brüning am 30. Mai 1932 beigetragen.

Dem Reichstag rief Brüning vor seinem Rücktritt die berühmt gewordenen Worte zu: „Nur nicht in den letzten 5 Minuten weich werden … 100 Meter vor dem Ziel.“

Im Kurort Wildbad im Schwarzwald wurde während dem Kuraufenthalt also auch große Politik gemacht, die letztenendes trotz der zunächst zugesagten aber nicht eingehaltenen Unterstützung der Generäle von Schleicher und von Hammerstein zum Rücktritt des Kabinetts Brüning führte.

Wenn die Teilnehmer der Gespräche in Wildbad sich solidarisch verhalten und den Reichspräsidenten entsprechend beraten hätten, wäre möglicherweise die Republik gerettet und Adolf Hitler verhindert worden.

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* Sie wurden seit 1930 von der Regierung zur Behebung wirtschaftlicher Notstände erlassen, da eine Mehrheitsbildung im Reichstag nicht möglich war. Lediglich Reichspräsident Paul von Hindenburg mußte sie unterzeichnen. Die Notverordnungen wurden dem Reichstag vorgelegt. Dieser sprach nicht mehr sein Vertrauen aus, sondern verzichtete darauf sein Mißtrauen zu erklären.

** Brüning, Memoiren, S. 385, nach Hürter, S. 279

 
Anmerkungen:

  • General Kurt von Schleicher wurde im folgenden Kabinett von Papen Reichswehrminister. Von Dezember 1932 - Januar 1933 war er Reichskanzler. Am 30. Juni 1934 wurde General von Schleicher auf Befehl Adolf Hitlers im Zuge des sogenannten „Röhmputsches“ von der SS erschossen.
  • Der Chef der Heeresleitung Freiherr General Kurt von Hammerstein-Equord war am 1. Februar 1934 unter Äußerungen der Kritik an dem Nationalsozialismus zurückgetreten.
  • Der Zentrumspolitiker und frühere Reichskanzler Heinrich Brüning ging 1934 nach den USA und wurde 1935 Professor an der Harvard-Universität.

 
Quellennachweise:

Reichskanzler Heinrich Brüning in Wildbad 1931

 
Internetlinks:


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