Fritz Barth

Das „Führerpaket“

Unseren Soldaten, die von den Kriegsschauplätzen aus auf Heimaturlaub fuhren, wurde unterwegs ein Geschenkpaket, das sogenannte „Führerpaket“ überreicht. Dies als Dank für ihren Kriegseinsatz. Auch sollte damit die Verbundenheit zwischen den Soldaten und dem Führer bekundet werden.

Zweifelsfrei wurde der Heimaturlaub dadurch angenehmer. Onkel Eugen erhielt bei seinem letzten Urlaub an Weihnachten 1943 auch eines. Zu Sylvester trafen sich die Verwandten bei uns daheim. Aus Most wurde ein großer Topf „Glühwein“ gemacht. Wein gab’s damals keinen zu kaufen. Jetzt kam die Überraschung. Das „Führerpaket“ wurde geöffnet. Das Packpapier raschelte, und alle waren gespannt, was zum Vorschein kam. Nacheinander tauchten lauter gute Sachen auf, die es bei uns schon lange nicht mehr gab. Wir bekamen Stielaugen, und das Wasser lief uns im Mund zusammen. Eine Büchse wurde geöffnet und darin lagen dichtgedrängt die glänzenden, silberfarbenen Ölsardinen. Unsere Mutter schnitt Brot auf und jeder durfte eine Ölsardine nehmen und auf’s Brot streichen. Der letzte Tropfen Öl wurde mit Brot ausgetupft. Jeder wollte tupfen.

Auch von der Hartwurst wurden dünne Scheiben abgeschnitten und auf die Teller gezählt.

Die Schokolade wurde rippenchenweise und auch die anderen Süßigkeiten ebenfalls gleichmäßig verteilt. Das war vielleicht ein Genuß, denn wir hatten schon jahrelang auf solches verzichten müssen.

Der „Glühwein“ tat ein übriges, und kurzzeitig waren wir glücklich. Der Alkohol, der auch im Most steckte, hatte unsere Sorgen verscheucht. Fast jede Familie, auch wir, hatten gefallene, vermißte oder verwundete Angehörige zu beklagen. Viele Menschen waren verzweifelt. Die Kirchen waren voll. Die Hoffnung auf den Endsieg war damals schon, besonders bei den Älteren, auf einem Tiefpunkt angelangt. Auch die ständige Bedrohung durch die feindlichen Bombergeschwader trug sehr zur Verunsicherung bei. Hoffnung auf eine Wende durch Wunderwaffen hatte nur noch die Jugend. Trotzallem haben wir mit Onkel Eugens Trommelrevolver das Neue Jahr 1944 angeschossen. Auch ich durfte einmal schießen.


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