Fritz Barth

Geheimverhandlung kurz vor Kriegsende in Wildbad im Schwarzwald

Mit positiven Auswirkungen der Gespräche Heinrich Himmlers mit dem früheren Schweizer Bundespräsidenten Jean-Marie Musy am 12. Januar 1945

 
Als einige der führenden Nationalsozialisten Ende 1944 schon den Galgenstrick um ihren Hals zu ahnen begannen, suchten sie zu retten was für das Reich und für sie persönlich noch möglich war.

Heinrich Himmler
Heinrich Himmler, Reichsführer-SS
1900-1945
Selbstmord in Britischer Gefangenschaft

Der Hauptverantwortliche für die Deportation und Vernichtung der europäischen Juden der Reichsführer-SS Heinrich Himmler traf sich im Oktober 1944 in Wien mit dem früheren Schweizer Bundespräsidenten Jean-Marie Musy zu einem Vorgespräch um Juden gegen Lastwagen und Geldleistungen über die Schweiz nach den USA ausreisen zu lassen.Jean-Marie Musy schilderte 1948 in einer eidesstattlichen Erklärung, daß Himmler ihm die Zahl von 500.000 Juden nannte.
Am 12. Januar 1945 fand in Wildbad ein streng geheimes abschließendes Gespräch zwischen Himmler und Musy statt, bei dem Himmler die Freistellung von Juden zusagte und Obersturmbannführer Franz Göring mit der Durchführung beauftragte.

Der Schweizer hatte zuvor bei McClelland, dem Vertreter von Roosevelts „War Refugee Board“, erreicht, daß dafür 5.000.000 Schweizer Franken des „Orthodoxen Rabbinerverbands in den USA und Kanada“ als Gegenleistung bei einer Schweizer Bank hinterlegt wurden.Alle zwei Wochen sollte nach den Absprachen in Wildbad ein Transport von 1200 bis 1300 Juden aus den KZ-Lagern nach der Schweiz verbracht und von dort nach den USA weitergeleitet werden.
 
Am 22. Januar 1945 erhielt Franz Göring von General Schellenberg den Auftrag 1200 Juden in die Hände von Altbundespräsident Musy an die Schweizer Grenze zu überstellen. Eines der Ziele dieser Aktion war, in der internationalen Presse für Deutschland eine günstigere Stimmung zu erzeugen.
Unverzüglich setzte sich der Transportbeauftragte Göring mit dem Chef der Geheimen Staatspolizei Gruppenführer Müller und dem Lagerleiter des KZ Theresienstadt in Verbindung. Trotz erheblicher Widerstände gelang es diesem letztenendes, daß bereits am 5. Februar 1945 der Sonderzug, bestehend aus 17 Schnellzugwaggons, mit 1200 Juden aus Theresienstadt nach Konstanz und von dort nach Kreuzlingen rollen konnte.

Jean Marie Musy
Jean Marie Musy, Schweizer Bundespräsident 1925 und 1930
1876-1952

Als im KZ-Lager bekanntgegeben wurde, daß ein Zug mit 1200 Personen nach der Schweiz abgehen sollte und die Häftlinge zur Meldung dafür aufgefordert wurden, meldeten sich zunächst zögernd nur einige hundert Juden. Sie befürchteten eine Todesfahrt nach Auschwitz. Einer der Mitfahrenden berichtete, daß sich die Reisenden gut kleiden und herrichten und die Frauen Puder und Lippenstifte benutzen sollten. Neun Personen mit Gepäck belegten ein Abteil. Es waren alte Leute, einige auch pflegebedürftig, und 58 Kinder.
Der Zug verließ das Lager am 5. Februar 1945 um 16 Uhr und Bruschowitz um 20 Uhr, wo die SS die Ausweise kontrollierte. Der Zug fuhr unbeleuchtet durch die Nacht.
Die begleitende SS, die während der Fahrt immer höflicher wurde, befahl bei einem Appell den jüdischen Waggonleitern in Augsburg die Entfernung der Judensterne. Gegen Mitternacht übernahm das Schweizer Militär an der Grenze den Transport.
Dieser erste Transport verlief glatt, so daß die Schweizer Behörden bei der Übernahme in Kreuzlingen Anerkennung aussprachen (so Franz Göring).
Vom Grenzort Kreuzlingen, wo es einen großartigen Empfang gab, trafen die Befreiten am 7. Februar 1945 abends in St. Gallen ein. Sie wurden zunächst in verschiedenen Orten der Schweiz untergebracht, bis sie in die USA ausreisen durften.
 
Dies war der erste und letzte Transport in die Freiheit als Ergebnis der Verhandlungen von Musy und Himmler. Durch Ernst Kaltenbrunner, Chef des SS-Sicherheitshauptamtes, wurde diese Aktion an Adolf Hitler gemeldet, der fortan alle Aktionen dieser Art untersagte. Zusätzlich drängten Kaltenbrunner und Reichsaußenminister Ribbentrop Hitler zum Befehl alle deutschen Fluchthelfer, die jüdische Personen, oder britische und amerikanische Kriegsgefangene zur Flucht verhelfen, sofort hinzurichten.
Auch der Bericht in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 8. Februar 1945 war schädlich, in dem es hieß, Altbundespräsident Musy habe diese Überführungsaktion auf Grund „persönlicher Genehmigung Himmlers“ durchführen können.
Es kam zu einem schweren Zusammenstoß Hitlers mit Himmler. Der Reichsführer-SS begründete seine Maßnahme mit der geplanten Einfuhr von kriegswichtigem Material und Eingang von Devisen.
 


 

Quellennachweis:

  • Valentin Falin: „Zweite Front. Die Interessenkonflikte in der Anti-Hitler-Koalition", Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur, München 1995
  • Klaus-Dietmar Henke: „Die amerikanische Besetzung Deutschlands“, 2. Auflage 1996, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Band 27, Seite 886
  • Jehuda Bauer: „Die Verhandlungen zur Rettung der Juden 1944 / 1945“ in: „Vierteljahresheft für Zeitgeschichte“, 25. Jahrgang 1977, Heft 2
  • Hans G. Adler: „Die verheimlichte Wahrheit: Theresienstätter Dokumente“, Tübingen, Mohr 1958, Seiten 105-108
  • Eidesstattliche Erklärung von Jean-Marie Musy von 1948 nach Bauer a.a.O.,
  • Walter Schellenberg: „Aufzeichnungen des letzten Geheimdienstchefs unter Hitler“, Verlag für Politik und Wirtschaft, Köln 1956, nach Henke a.a.O.
  • Eidesstattliche Versicherung von Franz Göring vom 24. Januar 1948, Dokument 40 im Dokumentenbuch II für den Angeklagten Walter Schellenberg (Fall XI vor dem amerikanischem Militärtribunal in Nürnberg), nach Adler a.a.O.

Internetlinks:

Literaturhinweis:


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