Fritz Barth

Vermeintliche „Hoffnung“ durch die
neue Bewegung der Nationalsozialisten 

Warum nahm die Nationalsozialistische Bewegung, besonders auch in den ländlichen Gebieten, einen so stürmischen Aufschwung?

Für unseren Ort will ich versuchen, dies in Kürze zu begründen.

Allein in Calmbach gab es in den Jahren 1931/1932 320 Arbeitslose und noch zusätzlich 70 Wohlfahrtsarbeitslose und Fürsorgeempfänger. Die Arbeitslosen gingen täglich zum Stempeln aufs Rathaus. Das ausbezahlte Stempelgeld reichte kaum für die notdürftige Ernährung der Familien aus.

Luisenbund und Stahlhelm hatten sich zusammen mit dem Calmbacher Ortspfarrer Dr. Müller entschlossen, eine Notstandsküche zur Speisung der Kinder von Arbeitslosen einzurichten.

Der damalige Schultheiß Ottmar Schweitzer versuchte die Arbeitslosigkeit durch Einführung eines freiwilligen Arbeitsdienstes zu lindern. Mit Waldwegebau, Enzbett-Säuberung usw. als Notstandsarbeiten, wurde der ärgsten finanziellen Notlage von der Gemeinde aus entgegengewirkt.

Aber alles war wie ein Tropfen auf einen heißen Stein, denn mehr als die Hälfte der Bewohner war von der Arbeitslosigkeit betroffen.

In den anderen Orten des Oberen Enztales war es ähnlich. Es herrschte überall bittere Not bei der betroffenen Arbeiterschaft. Auch der Mittelständische Handel und das Handwerk waren äußerst in Mitleidenschaft gezogen. Die Konkurse und Zwangsversteigerungen nahmen in erschreckendem Maße zu.

Das Aufbäumen der Weimarer-Republik, um die Demokratie zu retten, hatte nur geringen Erfolg. Daran war auch die Uneinigkeit der demokratischen Parteien mitschuldig. Durch Notverordnungen und Einführung von Notstandsarbeiten konnten keine länger wirksamen Verbesserungen erzielt werden.

Deshalb griffen viele nach dem rettenden Strohhalm, den die neue Bewegung bot. Allein in Calmbach ging beispielsweise bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 der Stimmenanteil der SPD auf nur noch 315 Stimmen zurück, gegenüber der Wahl am 31. Juli 1932, bei der die SPD immerhin noch 546 Stimmen erhielt. Dieser Stimmenverlust innerhalb von nur drei Monaten zeigte die beginnende Umwälzung der politischen Landschaft.

Karl Helber schilderte als Zeitzeuge dem Verfasser wie sie als verzweifelte und hoffnungslose Jugendliche die Ohren an die nur spaltweise geöffneten Fenster des Gasthauses „Zur Krone“ legten, um aufzuschnappen, was die Männer der neuen Bewegung für Lösungen parat hatten - wie sie Arbeit und Brot und geordnete Verhältnisse schaffen wollten, um das armselige Leben wieder lebenswerter zu gestalten.

Karl Helber hatte, da ihn die Ziele der NSDAP überzeugten, schon vor 1933 die Calmbacher Hitler-Jugend mit anderen Gleichgesinnten gegründet.

Der frühere Höfener Bürgermeister, Otto Hahn, der auch eine Zeitlang die Amtsgeschäfte eines Bürgermeisters in Calmbach versah, schilderte als Zeitzeuge die damalige Notlage und den einzig zu erkennenden Hoffnungsschimmer.

Die Bürgermeister des damals noch bestehenden Oberamts Neuenbürg wurden in einer Versammlung im April 1933 in Anwesenheit von NSDAP-Kreisleiter Böpple von Landrat Lempp auf Adolf Hitler vereidigt. Wie fast alle Beamten im Reich, haben sie sich dieser Prozedur unterzogen, um in ihren Ämtern verbleiben zu können.

Diese Handlungsweise, wobei die Sorge um angemessene Arbeit unterstellt werden kann, charakterisierte der Birkenfelder Bürgermeister Neuhaus gleich danach im Kollegenkreis wie folgt:

„Der weise Mann ist seiner Zeit voraus, der Kluge geht mit ihr auf allen Wegen, der Schlaukopf beutet sie gehörig aus, der Dummkopf stellt sich ihr entgegen.“
Damit war das Problem für die Wahlbeamten zunächst abgetan und sie taten ihren Dienst im Rahmen der neuen Bewegung weiter.

Aber bald folgte der Zwang, sich der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen anzuschließen. So kam unaufhaltsam die neue Zeit, die zunächst Hoffnung, dann Krieg und bittere Not brachte. An Krieg und Verachtung der Menschenrechte dachten damals wenige. Der Ruf von einzelnen: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ wurde nicht ernstgenommen.

Fast alle erlagen der Verführung der neuen Bewegung. Wenige kämpften noch für die Republik. Manche der Andersdenkenden zogen sich in den Schmollwinkel zurück und ließen geschehen, was geschah.


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