Waren KZ-Häftlinge im Eyachtal beschäftigt?

Über die in den Jahren 1944/1945 geplante und zum Teil durchgeführte Verlagerung des Werks der Daimler AG Gaggenau ins vordere Eyachtal und den Bau der dazu vorgesehenen Gebäude und Unterkünfte schreibt Heimatforscher Hans Geiler ausführlich in seiner Veröffentlichung „Blick ins wilde schöne Eyachtal“ auf den Seiten 58-63. Er verwendet auch Unterlagen der Fa. Daimler, insbesondere des Werks Gaggenau, bzw. Bücher darüber. Auch seine Lageskizzen nach noch vorhandenen Fundamenten sind aussagekräftig.

Die Unternehmung hatte den Tarnnamen „Dachsbau“. Hans Geiler schreibt, daß es über den Einsatz von KZ-Häftlingen keine genaueren Angaben gäbe. Auch bei der Firma Daimler sei darüber nichts aktenkundig. Deshalb dieser Versuch einer Klärung.

Frau Erika Schmid, geb. Wiedemann, übersandte mir am 7.1.2011 eine Kopie „Dokument 68“. Es handelt sich um einen Brief des SS-Hauptsturmführers Josef Seuß vom 10.11.1944 an die Kommandantur des KZ-Lagers Natzweiler-Struthof im Elsaß, den er nach einer Besprechung bei Daimler-Benz verfaßte. Auszug: „Am 2.11.1944 habe ich mich wie befohlen nach Gaggenau zur Fa. Daimler begeben und mit Herrn Dir. Kappler und dem Rüstungsbeauftragten Herrn von Ilsemann das neu zu errichtende Kommando (Decknamen Dachsbau) besprochen.“

Seuß beschreibt, daß für das Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof im Eyachtal zunächst 16 Wohnwagen für die Unterbringung der KZ-Häftlinge vorgesehen waren. Ausführlich beschreibt er die Sicherung des Lagers mit 1 Unterführer und 14 Wachmännern und die Belegung mit 90 Häftlingen. Aus dem Stammlager sollen 40 Maurer, 40 Zimmerleute, 3 Elektriker, 1 Schmied, 2 Rohrleger und 4 Schreiner abgestellt werden.

Nach Auswertung der wichtigen Teile des Briefes von Seuß ergibt sich, daß aus den Häftlingen im Stammlager sicher die aufgeführten Handwerker ausgesucht und der OT (Organisation Todt) zur Verfügung gestellt werden konnten. Die OT übernahm auch die Verpflegung.

Man muß also davon ausgehen, daß die im Buch „Zwangsarbeit bei Daimler-Benz“ von Hans Pohl (Steiner-Verlag 1994) auf Seite 370 in einer dort erwähnten Aktennotiz vom 21.4.1945 aufgeführten „Zivilinternierten“ und die Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter bei Einstellung der Arbeit im April 1945 und dem Abtransport derselben, bis zum Schluß dabei waren.

Statt 90 KZ-Häftlinge waren es am Ende noch 85 die als „Zivilinternierte“ bezeichnet wurden.

Frau Erika Schmid schrieb am 12.1.2011, daß sie annimmt, daß einige wenige Wagen aufgestellt wurden, bis die Wohnbaracken für die KZ-Häftlinge fertig waren. Ihr Vater Anton Wiedemann, der damals Bahnbeamter des Postens Eyachbrücke war, hätte mit den Häftlingen gesprochen, wenn kein Bewacher in der Nähe war. Von ihren Eltern sei den Kriegsgefangenen und Häftlingen öfters, trotz Verbots, etwas zum Essen gebracht worden. Auch dies ist ein deutlicher Hinweis auf dort beschäftigte KZ-Häftlinge.

Anmerkungen:

Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, im damals besetzten Elsaß auf einem Vogesengipfel, war das einzige auf französischem Boden. Während seines Bestehens 1941-1944 wurden ca. 52.000 Personen in das Haupt- und die angeschlossenen Nebenlager deportiert. Etwa 22.000 Inhaftierte starben oder wurden ermordet.

SS-Hauptscharführer Josef Seuß war von 1933 bis 1942 überwiegend in verschiedenen Positionen im Konzentrationslager Dachau tätig. Von Dezember 1943 bis April 1945 hatte er die Position des Lagerkommandanten im Natzweiler Außenlager Schömberg, bei Balingen, inne. Mit 35 Mitangeklagten wurde er am 13.12.1945 im Dachauer Hauptprozeß zum Tode verurteilt und am 28.5.1946 im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg gehängt.

Quellen:
STRUTHOF, die Stätte des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler
KZ Natzweiler-Struthof (Wikipedia)
Josef Seuß (Wikipedia)

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