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Fritz Barth

Ottmar Schweitzer

 Ratsschreiber, Amtsverweser und Schultheiß in Calmbach,
Episode eines Lebens und Blick in die Ortsgeschichte 1931-1934

Nach den langen Amtszeiten seiner Vorgänger Karl Häberlen von 1880-1906 und Reinhold Hörnle von 1907-1931 wurde Ottmar Schweitzer am 6. März 1932 zum Schultheißen, zum Ortsvorsteher von Calmbach, gewählt. Seine fundierten Fachkenntnisse, seine 9jährige Tätigkeit als Ratsschreiber, vertretungsweise als Gemeindepfleger und zuletzt als Amtsverweser auf dem Calmbacher Rathaus, seine persönliche Ausstrahlung und das große Vertrauen der Calmbacher Bürgerschaft ließen wie bei seinen beiden Vorgängern eine längere Amtszeit erwarten. Aber es kam anders.

Zunächst die Vorgeschichte:
Nach 24 Jahren Amtszeit hatte Schultheiß Reinhold Hörnle in weiten Teilen der Bürgerschaft und besonders auch im Calmbacher Gemeinderat mehr und mehr an Vertrauen eingebüßt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er in den letzten Jahren öfters krankheitshalber vertreten werden mußte. Der Dampf war raus, neue Impulse für die Entwicklung der Gemeinde Calmbach wurden spärlicher. Ein neuer Schultheiß muß her, war die weit verbreitete Ansicht an den Wirtshausstammtischen und in den Familien, die, auch durch die damalige Notzeit bedingt, kommunalpolitisch sehr interessiert waren. Die Amtszeit des Schultheißen Reinhold Hörnle lief am 31. Dezember 1931 ab.
 

Calmbacher Honoratioren

Calmbacher Honoratioren beim Festzug zum Sportplatz um 1930
 

     vordere Reihe v. links n. rechts: Zigarrenfabrikant, Gemeinderat Kübler, Bürgermeister Hörnle, Gemeindepfleger Sorger, Ratsschreiber Schweitzer. 

Der Gemeinderat, der damals aus 14 Personen bestand, hatte die Neuwahl auf den 1. Nov 1931 angesetzt. Ein großer Teil des Gemeinderats wollte in der Ausschreibung im Staatsanzeiger weglassen, daß der Amtsinhaber Wiederbewerber ist, um gute Kandidaten hierher zu bekommen. Schultheiß Hörnle drohte:
    „Wenn es dazu kommt, lasse ich gleich darunter eine selbstbezahlte Anzeige setzen aus der hervor geht, daß ich Wiederbewerber bin.“ Er setzte sich durch.

Es kam wie es kommen mußte. Schultheiß Hörnle war noch kurz vor Bewerber - Abgabeschluß der einzige ernsthafte Bewerber. Seine Gegenspieler entwickelten eine fieberhafte Tätigkeit um doch noch einen aussichtsreichen Gegenkandidaten zu finden.

Ratsschreiber Ottmar Schweitzer lehnte ab. Er wollte aus Loyalität nicht gegen seinen Dienstvorgesetzten antreten. Es mußte weiter gesucht werden. Nach anfänglichem Zögern, war dann Bildhauer und Gemeinderat Ferdinand Bott, eine allseits bekannte und beliebte Persönlichkeit zur Kandidatur bereit.

Wenige Minuten vor Ablauf der Anmeldefrist gab er seine Kandidatur ab. Alles war gespannt, wie ein Handwerksmeister gegen den Amtsinhaber bei der Wahl abschneidet. Der Wahlkampf war kurz. Bildhauer Ferdinand Bott wurde, für viele überraschend, mit guter Mehrheit zum Calmbacher Schultheißen gewählt.

Aber die Überraschungen nahmen noch kein Ende. Ferdinand Bott nahm die Wahl nicht an. Viele Bürger waren enttäuscht. Die politisch taktierenden Bürger sahen jetzt die Möglichkeit und haben es von Anfang an auch so geplant, jetzt einen Fachmann als neuen Schultheißen zu erhalten.

Der abgewählte Schultheiß Hörnle war über seine Abwahl enttäuscht und ließ sich danach nicht mehr oft auf dem Rathaus sehen. Dies geht aus seinem Schreiben vom 5. November 1931 an den Calmbacher Gemeinderat hervor:
    „Nach dem Ausfall der Ortsvorsteherwahl ist meine Arbeit in der Gemeinde offenbar nicht mehr erwünscht. Ich verlasse deshalb Amt und Ort so rasch als möglich und ersuche um meine sofortige Beurlaubung auf den Rest der Amtszeit.“
    
In der GR-Sitzung vom 5. November 1931 verabschiedete sich Schultheiß Hörnle mit kurzen Worten vom Calmbacher Gemeinderat. Er bringt dabei seine Dienstanschauung zum Ausdruck, die nicht ohne Bedeutung für seine Verhältnisse zu den bürgerlichen Kollegen und später zum Gemeinderat war. Er sagte:
    „Ich bin manchmal im Gegensatz zu Ihnen gestanden. Ein Ortsvorsteher muß aber Initiative haben. Dies habe ich schon bei meiner Vorstellungsrede 1906 ausgeführt und so gehalten. Ihnen Konzessionen zu machen war notwendig, aber noch notwendiger manchmal fest zu bleiben. Ich gebe zu, daß ich den Standpunkt, den mir meine Überzeugung vorschreibt, manchmal mit Schärfe vertreten habe. Die entschlossene Geltendmachung einer Überzeugung ist notwendig. Ich habe die Überzeugung, daß ich vielleicht in manchem geirrt, daß ich mich aber den Aufgaben meines Amtes aufs ernstlichste gewidmet habe. So nehme ich Abschied von Calmbach und von Ihnen und wünsche nur, daß ich keinen Nachfolger bekommen möge, der keinen eigenen Willen und Mut der Behauptung einer eigenen Überzeugung hat.“

  • Schuldenstand der Gemeinde ca. 300.000 RM
  • Der Gemeinderat will vorerst von der Veräußerung der 15000 Gramm Goldobligationen absehen.
  • Es wurde eine Allgemeine-Fortbildungsschule (Nachtschule) eingerichtet.
  • Wasserzins vom 1. April bis 30. Sept. = 20 RPf/m3
  • Wasserzins vom 1. Okt. bis 31. März = 15 RPf/m3
  • Durchführung der 2. Gehaltskürzungsverordnung für Angestellte und Arbeiter der Gemeinden und sonstige öffentliche Körperschaften.
  • Beschäftigung von 40 Wohlfahrtsarbeitslosen unter Anleitung von Straßenaufseher Jäger mit Wegebau bzw. Ausbesserung.
  • Schlechter Geschäftsgang bei der Firma A. Gauthier GmbH. Es waren nur noch wenige Arbeiter beschäftigt.
  • Zur Regelung der Beschäftigungs- und Entlohnungsverhältnisse der Wohlfahrtserwerbslosen beantragt die Gemeindepflege die Einsetzung eines besonderen Ausschusses, da die Gemeindepflege überfordert ist.
  • Luisenbund und Stahlhelm haben sich im Benehmen mit dem Calmbacher Ortspfarrer Dr. Müller entschlossen, eine Notstandsküche zur Speisung der Kinder von Arbeitslosen einzurichten. Auch eine Wärmestube ist geplant.
  • Oft über die Hälfte der Tagesordnungspunkte des Calmbacher GRs nahmen damals viele Gesuche auf Stundung bzw. Erlaß oder Kürzung von Steuern und Gemeindeabgaben ein, sowie Übernahme von Hypotheken-Bürgschaften durch die Gemeinde für Neubauten Calmbacher Bürger und Anträge auf Nutzungsbürgerrecht-Aufnahme.
  • Die Gemeinde Calmbach hatte damals 320 Arbeitslose, sowie 70 Wohlfahrtserwerbslose und Fürsorgeempfänger.
  • Großes Konzert des Musikvereins Calmbach zu Gunsten der Winternothilfe. Musikervorstand war damals Fritz Keck.
  • Bezeichnend für die damalige Zeit auch ein Auszug aus einem Schreiben der Firma A. Gauthier (wegen Gewerbesteuerstreit) an die Gemeinde Calmbach.: „An unseren heutigen schlechten finanziellen Verhältnissen im Deutschen Reich sind nicht nur die Reparationen in der Hauptsache schuld, sondern das ungesunde Finanzgebaren von Reich, Ländern und Gemeinden und auch hier hat die Gemeinde Calmbach keine Ausnahme gemacht.“
  • Gesuche des 1. FC Calmbach und des Radfahrvereins „Germania“ Calmbach auf Überlassung der Turnscheuer, die durch Fertigstellung der neuen Turnhalle frei wird. Der Radfahrverein hatte Saalmaschinen angeschafft und wollte in der Turnscheuer Kunst- und Reigenfahren üben.
  • Planung und Beginn des Baues der Kleinenztalstraße.
  • Notverordnung zur Zinssenkung

Soweit ein Stichwortartiges Stimmungsbild während der Amtsverweserzeit von Ottmar Schweitzer.
 


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