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Die Situation von BM Schweitzer wurde von Woche zu Woche schwieriger. In seinen Reden zum 1. Mai, zum Heldengedenktag und zum Erntedankfest mußte er wohl oder übel auf die Erfolge der neuen Bewegung eingehen.

In seiner Rede zum Heldengedenktag 1933 wurde von ihm erwartet, daß er nicht nur der Gefallenen des 1. Weltkriegs gedachte, sondern auch den erschlagenen „Alten Kämpfern“. Er sagte:
    „Gleichzeitig gedenken wir der im Kampf um die nationale Erhebung, um die nationale Einigung Deutschlands Erschlagenen. Wir gedenken ferner unseres großen Kanzlers Adolf Hitler, der aus diesem Leiden und Sterben heraus es verstanden hat, das in Parteien und Klassenkampf zerstückelte Volk wieder zur inneren Geschlossenheit zu führen.“

Es gab keine Ruhe. Die Gemeinderäte Reichert und Albert Barth suchten am 10. August 1933 BM Schweitzer, im Auftrag der NSDAP-GR-Fraktion und sicher auch in Abstimmung mit der NSDAP-Ortsgruppenleitung, auf und stellten ihm anheim, sich aus persönlichen Gründen um eine andere Stelle zu bewerben. In politischer Beziehung wurde ihm vorgeworfen, er sei am 6. März 1932 von der Sozialdemokratie gewählt worden.

In einem Schreiben vom 12. August 1933 an das Oberamt Neuenbürg sucht BM Schweitzer Hilfe zwecks Erhalt seines Amtes. Er ersucht die Aufsichtsbehörde um
    1. dienstliche Untersuchung der Amtsführung des Ortsvorstehers,
    2. dienstliche Untersuchung des Verhältnisses zwischen Ortsvorsteher und den Gemeinde-Beamten und Angestellten,
    3. die Untersuchung der Zusammenarbeit zwischen Ortsvorsteher und GR.
    Letzteres besonders im Hinblick darauf, daß der NSDAP-Gemeinderatsfraktionsvorsitzende Reichert am 10. August 1933 angedroht hat, künftig mit seinen Fraktions-Kollegen nicht mehr zu den Sitzungen zu erscheinen.
    BM Schweitzer erklärt weiter:
    „Gewählt wurde ich hauptsächlich von der Arbeiterschaft und dem Mittelstand, nicht etwa von der SPD als Partei, deren Anhänger sich im Laufe der Jahre 1932 und 1933 nachweislich rasch umstellten, sodaß die SPD bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 nur noch 315 Stimmen in Calmbach erhielt, gegenüber 546 Stimmen am 31. Juli 1932. Die BM-Wahl war nicht parteipolitisch eingestellt, ich warb nicht als Parteimann, da ich keiner war. Als Beweis für den unpolitischen Vorgang der Wahl führe ich an, daß auch einflußreiche Männer der SPD wie Gipsermeister Adolf Proß und Gürtler Friedrich Wildprett meine scharfen Gegner im Wahlkampf waren. Andererseits waren in meinem Wahlausschuß auch Männer der NSDAP. Gleich nach meiner Amtseinsetzung habe ich mich eingehend mit dem freiwilligen Arbeitsdienst, gerade gegen den Willen verschiedener Mitglieder der SPD im alten GR, in der Weise befaßt, daß Maßnahmen von 11600 Tagewerken in der Gemeinde durchgeführt wurden.
    Wenn mir von verschiedenen Seiten, zuerst von Gewerbelehrer Schneider dann von dem NSDAP-GR nahegelegt wird, mich aus gesundheitlichen Gründen, an einen weniger arbeitsreichen Posten freiwillig versetzen zu lassen, so muß ich ein derartiges Ansinnen entschieden ablehnen. Ich setze im Gegenteil meinen Stolz darein, für die Gemeinde unter Einsatz meiner Persönlichkeit und Arbeitskraft zu schaffen. Freilich, wenn die unterirdische Wühlarbeit nicht aufhört, wird mir die Arbeit sauer werden und ich wäre sehr dankbar, wenn nach der beantragten dienstlichen Untersuchung von der zuständigen Instanz der nationalsoz. Parteileitung, der hiesigen Ortsgruppe und den Calmbacher Gemeinderat zur Mäßigung und Unterordnung unter das Ganze angehalten würde, auch das würde im Interesse der Autorität und der Untermauerung des Führergedankens liegen.“


Am 16. September 1933 schrieb BM Schweitzer erneut an das Oberamt Neuenbürg: auszugsweise sei zitiert:
    „Die mir durch den Erlaß des Staatskommissars für Körperschaftsverwaltung vom 18. Juli 1933 gewordene Maßregelung, vor allem aber dem Vermerk in meinen Personalakten „Links eingestellt“ gibt mir weitere Veranlassung zusätzliche Ausführungen zu machen. Richtig ist, daß ich ein warmes Empfinden für die sozialen Nöte der Arbeiter in unserem Tal mit seinen harten Lebensbedingungen hatte und auch heute noch habe. Ich habe noch nie einer Partei angehört, am allerwenigsten mit der Linken sympathisiert oder wie gesagt wird nach links geschielt. Ich stand eher dem Alldeutschen Verband nahe. Schon als 17jähriger habe ich 2 mal entwichene französische und russische Kriegsgefangene, unter Einsatz meines Lebens, wieder gefangengenommen.“

Dies alles hatte BM Schweitzer nichts genützt. Das Oberamt konnte nicht helfen, es war auch schon von Männern der neuen Bewegung durchsetzt. Der Stab war über ihn gebrochen.

Nach Aussage seines Sohnes Felix Schweitzer war die Sachlage etwas anders als protokolliert, nämlich:
    „Während eines Kurzurlaubs von BM Schweitzer in seiner Heimatgemeinde Sternenfels, wurde ihm von Männern der örtlichen Parteileitung sein Amtszimmer auf den Kopf gestellt. Dies war für meinen Vater der letzte Anlaß sich beim Oberamt Nagold um die in Altensteig-Stadt vakante Aktuarstelle zu bewerben. Die er auch erhielt und bis zu seinem Tode bekleiden durfte.“

Mit Schreiben vom 11. Februar 1934 an das Oberamt Neuenbürg kündigte BM Schweitzer am 15. Februar 1934 sein BM-Amt bei der Gemeinde Calmbach.

In der GR-Sitzung am 12. Februar 1934 teilte BM Schweitzer dem GR mit, daß er vom OA Nagold zum Verwaltungsaktuar in Altensteig-Stadt bestellt sei und sein Amt am 15. Februar 1934 dort anzutreten habe. Er werde am 14. Februar 1934 die Amtsgeschäfte seinem bisherigen Stellvertreter, Ratsschreiber Kreeb übergeben. Gleichzeitig dankte er den GR-Mitgliedern für ihre Mitarbeit und wünschte der Gemeinde Calmbach für die Zukunft alles Gute.

In der GR-Sitzung am 15. Februar 1934 wird der entsprechende Erlaß des OA bekanntgegeben und auch, daß der Calmbacher Gemeinderat zu hören ist. Der Fraktionsführer der NSDAP GR Reichert stellt den Antrag, der Entlassung des BM Schweitzer zuzustimmen und den bisherigen Stellvertreter desselben, Ratsschreiber Kreeb als Amtsverweser vorzuschlagen. GR-Mitglied Albert Barth erklärt, daß letzterer Vorschlag bereits vom Kreisleiter der NSDAP gebilligt wurde. GR stimmte beidem zu.

Am 8. März 1934 wird dem GR von Calmbach der Erlaß des Innenministeriums vom 28. Februar 1934 bekannt gegeben, wonach BM Wilhelm Günter in Oberbürden OA Backnang als Bürgermeister nach Calmbach versetzt werde. Nach Mitteilung vom Oberamt Neuenbürg findet die Amtseinsetzung am 13. März 1934 in öffentlicher GR-Sitzung statt.
    Einzuladen seien: Der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Polizeiwachtmeister Wengert, der Ortsgeistliche Pfarrer Dr. Müller, der Schulvorstand Rektor Kuhnle, Forstmeister Schauecker und Oberförster Kreidler sowie die Bürgerschaft. Der NSDAP-Kreisleiter sei bereits vom OA aus eingeladen. Der Fraktions-Führer der NSDAP GR Reichert erklärt, daß der GR von diesem Entschluß Kenntnis nehme, die Ernennung des neuen BM sei aber ausdrücklich gegen den Willen des Ortsgruppenleiters, gegen die Meinung des gesamten GR sowie gegen den Willen des NSDAP-Kreisleiters erfolgt. Die Verantwortung trage daher für die Zukunft nicht der GR, sondern die Regierung allein. Dies obwohl BM Günter seit 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied war.

In der GR-Sitzung am 9. August 1934 wurde infolge Wegzugs der beiden bisherigen Stellvertreter Ratsschreiber Kreeb und GR Reichert vom BM Günter bekanntgegeben, daß er auf Grund Art. 92 der GO den jetzigen Fraktionsführer der NSDAP Albert Barth, Drogist zu seinem Stellvertreter ernannt habe. 

Ottmar Schweitzer

Ottmar Schweitzer
als Verwaltungsaktuar
in Altensteig 1934-1954

 
Soweit eine heimatgeschichtliche Detailaufarbeitung, die wertneutral vorgenommen wurde.
    Da die Vorgänge mehr als 50 Jahre zurückliegen, dürfen und müssen zum besseren Verständnis auch Namen genannt werden. Diese Personen haben in damaliger Zeit Verantwortung getragen und unsere Gemeinde mitgestaltet, unabhängig davon, welcher politischen Richtung sie angehörten.
    Dem Verfasser, der die genannten Personen selbst kannte und manche Ereignisse selbst miterleben durfte, standen als Quellennachweise die Aktenbündel A 42, A 43, A 47 und die GR-Protokolle B 83, B 84, B 85 und B 86 aus dem Gemeindearchiv von Calmbach zur Verfügung.
    Ferner wurden von Felix Schweitzer, Gemeindepfleger a. D. Gültingen /Wildberg dankenswerterweise 217 meist handgeschriebene Aufzeichnungen seines Vaters Ottmar Schweitzer, der am 8. Oktober 1954 in Altensteig gestorben ist, zur Auswertung zur Verfügung gestellt.

Fritz Barth, 1991


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