- Kultur -
 
Aufeinandertreffen gegensätzlicher Kulturen
 

Wegen großer Nachfrage gibt’s am kommenden Samstag in Simmersfeld eine zusätzliche Mitternachtsvorstellung der „Reise nach Jerusalem“
 
Artikel wurde erstellt von: Ralf Recklies
 
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Suchen im Heiligen Land ihr Glück: Templerinnen, die aus dem Schwarzwald nach Palästina umgesiedelt sind.


SIMMERSFELD.Mit ihrer aktuellen Produktion „Reise nach Jerusalem - ein Spiel“ hat die Kulturwerkstatt Simmersfeld wieder großes Amateurtheater auf höchstem Niveau geschaffen, das in der Region seinesgleichen sucht. Auch wenn das Stück auf den einen oder anderen Effekt hätte verzichten können: Was der Theatergruppe unter der Leitung von Regisseurin Helga Kröplin in nicht einmal einem halben Jahr Probenzeit gelungen ist, ist überwältigend. Der Zuschauer wird bei dem interaktiven Theaterstück nicht nur auf eine Reise durch Raum (vom Schwarzwald bis ins gelobte Land) und Zeit (von der 48er-Revolution bis in die Gegenwart) mitgenommen, er wird auch selbst in das kurzweilige Spiel mit eingebunden.

Zuschauer einbezogen

Was im Fest-Spiel-Haus beginnt und auf dem rückseitigen Freigelände des Theaterbaus vor dem malerischen Köllbachtal seine Fortsetzung findet, erreicht mit der „Reise nach Jerusalem“ aller Zuschauer - die Besucher müssen durch eine mystisch beleuchtete, mit Stühlen ausgestattete Spirale aus Gras wandern, in der allerlei Texte zum Thema Reisen rezitiert werden - einen ersten Höhepunkt, dem, nach Rückkehr des Publikums auf die Zuschauerränge, das große Finale in orientalischem Umfeld folgt. in Zusammenarbeit mit Regisseurin Helga Kröplin hatte sich die Kulturwerkstatt in diesem Jahr einer ganz besonderen Herausforderung gestellt, die allerlei Klippen in sich barg. Ohne jede Textvorlage wurde die Geschichte der Templer - anhand der Geschichte des Orientmalers Gustav Bauernfeind - mit spannenden Bildern und Dialogen zu einem Stück gestrickt, in dem Religiosität und Toleranz, die politische Entwicklung Deutschlands zur Demokratie und das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Kulturen von Orient und Okzident gleichermaßen thematisiert werden. Darüber hinaus gelingt der Kulturwerkstatt hervorragend, die Besucher mit allen Sinnen zu berühren. Spannende und symbolträchtige Bilder stehen neben mal bedeutungsschwangeren und nachdenklichen, mal leichten Dialogen; Musikstücke, die Liedermacher Thomas Felder eigens für die Produktion komponiert hat, mischen sich mit Düften aus dem Orient und lassen die Zuschauer somit just in jene fremde Welt eintauchen, in der die Templer einst ihr Glück suchten.

Faszinierend, wie es die Simmersfelder Theatermacher in ihrer inzwischen sechsten Eigenproduktion schaffen, die Zuschauer mehr als zwei Stunden in den Bann zu ziehen. Ausgehend vom Tod des Sulzer Malers Gustav Bauernfeind, dessen 100. Todestag in diesem Jahr begangen wird, wird - im Rückblick auf dessen Geschichte - die Entwicklung der deutschen Republik ab dem Jahr 1848 und die parallel verlaufende Entwicklung der Templer erzählt. Diese versuchte - ganz auf Gott vertrauend - allen menschlichen Freuden zu entsagen und das Heil in Palästina zu finden.

Spannend nicht nur der fein herausgearbeitete Kontrast zwischen den Kulturen und Religionen, der in den Dialogen ebenso lebendig wird, wie in den gelungenen und raffiniert gestalteten Bühnenbildern. Spannend auch, wie es die Laiendarsteller durch ihre herausragende schauspielerische Leistung schaffen, die Zuschauer ohne merkliche Längen von Anfang bis Ende zu fesseln. Dies nicht zuletzt, indem sie mit einer gelungenen Mischung von augenzwinkerndem Humor und altklugen Weisheiten mal herzliche Lacher, mal andächtiges Schweigen provozieren. Dass die Kulturwerkstatt dabei immer wieder auch auf Lessings „Nathan der Weise“ zurückgreift, ist ein gewagter, letztlich aber doch gelungener Kunstgriff. Wegen der großen Nachfrage gibt es dann auch am Samstag eine zusätzliche Vorstellung (Beginn: 23.30 Uhr).

Karten für das Theaterstück „Die Reise nach Jerusalem - ein Spiel“, das noch bis kommenden Sonntag täglich um 20.30 Uhr und am Samstag zusätzlich um 23.30 Uhr gespielt wird, können bis kommenden Freitag zwischen 16 und 19 Uhr unter der Tickethotline (0 74 84) 14 19 bestellt werden.

Foto: Ralf Recklies

Erstellt am: 04.08.2004