Fritz Barth

Angstmachen

Ein fragliches Erziehungsmittel war damals das Angstmachen vor allem Möglichen, wenn wir nicht folgten, nicht brav waren. Den kleineren Kindern wurde vor dem „Nachtkrab“ (den schwarzen Krähen) Angst gemacht, wenn sie nicht ins Bett wollten.
Den älteren Kindern dienten „Pelzmärte“, Nikolaus, „Zuberklos“, Geister, Hexen und sogar der Teufel als Angstmacher.

Wir blickten bei so vielem Gefährlichen nicht durch. Viele von uns glaubten daran. Erst mit zunehmendem Alter wurden wir forscher und durchschauten manches. Vor Weihnachten hatten wir besonders vor’m „Pelzmärte“ Angst. Eine Steigerung des „Pelzmärte“ war der sogenannte „Zuberklos“. Es war ein mit Ketten behängter und damit laut raschelnder „Pelzmärte“.
Meine Schuhmacher-Großmutter hat ihn jedes Jahr am Heiligen Abend für uns gemacht. Stolpernd und klirrend in einen alten Umhang gehüllt kam sie die Bühnenstiege herunter. Wir verkrochen uns ängstlich in der Stube unter dem Tisch. Aber sie erwischte uns und hieb mit der Gerte oder versuchte, uns in den Kartoffelsack zu stecken.
Einmal sprang ich lange um den Stubentisch, bis sie mich fing. Das war vielleicht ein Geplärre. Erst als der „Zuberklos“ wieder abzog, trauten wir uns vor, um unsere kleinen Geschenke unter dem Christbaum auszupacken.

Bei Helbers im Kepplerschen Viehhof mussten wir unsere Geschenke von Tante Mina abholen. Schon auf dem Weg dorthin bekamen Else und ich „Boxgichter“, wenn uns ein „Pelzmärte“ über den Weg lief. Wir zitterten vor Angst und sprangen so schnell wir konnten davon.

Im Viehhof mussten wir warten, bis der Pelzmärte kam. Erst mussten wir ein Verschen hersagen, bevor es Geschenke gab. Der Pelzmärte dort war groß, hatte einen roten pelzbesetzten Mantel an und eine rote Zipfelmütze auf. Sein großer weißer Bart hing ihm bis zum Bauch. Er machte einen furchterregenden Eindruck auf uns Kinder. Wir waren immer froh, wenn er wieder fort ging. Später, im Schulbubenalter, glaubten wir nicht mehr an Pelzmärte oder Nikolaus. Von da an waren es Geister und Hexen, die als Angstmacher dienten. Sogar mit dem Leibhaftigen, dem Teufel, wurde uns Angst gemacht und wir zum Beten angehalten. Wir sollten unbedingt folgen.

Nachts träumten wir von den Angstmachern. Das war schon eine recht fragliche Erziehung, denn Angst ist eigentlich immer ein schlechter Ratgeber und besonders ein falsches Erziehungsmittel.


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