Fritz Barth

Für die Muttersprache damals und heute

 eine kritische Abhandlung

Die deutsche Sprache, die sich in den vergangenen Jahrhunderten den Zeitläuften angepasst und entsprechend fortentwickelt hat, ist ein wertvolles und erhaltenswertes Kulturgut.
Diese ursprüngliche Reinheit unserer Sprache wird heute in zunehmendem Maße durch eine Vielzahl von Fremdwörtern und ausländischen Namen und Begriffen stark verwässert.
Der würdelosen Anbiederung in den Medien und in der Wirtschaft an die französische und angelsächsische Sprache und Kultur sollte nicht nur von Einzelnen, sondern von amtlichen und staatlichen Stellen entgegengetreten werden.
Die Flucht der Deutschen aus ihrer Sprache und der parallel dazu stattfindende Einfluss aus uns fremden Kulturkreisen, ist der Beginn des Zerfalls von Religion, Kultur und Staat.

Auch schon im 18. und 19. Jahrhundert drangen viele Fremdwörter und Namen in den deutschen Sprachschatz ein. Besonders auch deshalb, da in vielen Fürstenhäusern insbesondere die französische Sprache üblich war und über das Dienstpersonal auch im einfachen Volk verbreitet, ja nachgeäfft wurde.
Ebenfalls wurde bei der Taufnamensgebung, neben den gerade üblichen deutschen Modenamen auch französische, russische und englische Vornamen gewählt.

Gegen die Verhunzung der deutschen Muttersprache trat schon 1806 der als „Turnvater“ bezeichnete Friedrich Ludwig Jahn in seinem Buch „Bereicherung des hochdeutschen Sprachschatzes“ und erneut 1808 in „Deutsches Volkstum“ entschieden gegen die Missachtung und Verfälschung der deutschen Muttersprache auf.
Er schrieb auszugsweise: „In seiner Muttersprache ehrt sich jedes Volk, in der Sprache Schatz ist die Urkunde seiner Bildungsgeschichte niedergelegt, hier waltet wie im Einzelnen das Sinnliche, Geistige, Sittliche. Ein Volk, das seine eigene Sprache verlernt, gibt sein Stimmrecht in der Menschheit auf und ist zur stummen Rolle auf der Völkerbühne verwiesen. Mag es dann aller Welt Sprachen begreifen und übergelehrt bei Babels Turmbau zum Dolmetscher taugen, es ist kein Volk mehr, nur ein Mengsel von Starmenschen.“ Meinte Jahn mit Starmenschen Angeber?

Heutzutage im 21. Jahrhundert ist es erschreckend wie fremdländische Wörter, Ausdrücke und ganze Sätze in unseren Wort und Sprachschatz eingedrungen sind.
Zunehmend werden bei vielen Berichten und Veranstaltungen, besonders in Programmheften solche fremdländischen Wortgebilde verwendet, die auf Anhieb nur für Sprachgebildete verständlich sind. Der Durchschnittsbürger braucht dagegen das Lexikon oder ein Wörterbuch. Manche Anwender meinen diese Ausdrücke auch zu verstehen. Oder wollen sie mit ihren Sprachkenntnissen glänzen?
Der Mehrzahl der deutschen Bürger sollte eigentlich solches nicht zugemutet werden. Die deutsche Sprache ist so umfassend und vielseitig, sowie für alle Zeitläufte und für alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen entwickelbar, dass eigentlich alles mit ihr ausgedrückt werden kann.

Ein weitgehender Verzicht auf Fremdwörter ist keine Deutschtümelei. Nichts spricht dagegen, wenn neben der deutschen Muttersprache auch Fremdsprachen gelehrt und gelernt werden und damit zur Völkerverständigung ihren Teil beitragen. Auch dass die Sprache der Wissenschaft und die Computersprache das Englische ist, muss durch die weltweite Vernetzung akzeptiert werden.

Gegen das Überhandnehmen von Modenamen und gegen das Eindringen der fremden Taufnamen schrieb Carl Maximilian Eifert, der von 1840-1849 evangelischer Pfarrer in Calmbach mit Filial Höfen war, sein 151 seitiges Buch mit dem Titel:“ Namensbüchlein oder Verzeichnis und Erklärung der gebräuchlichsten Taufnamen“ für Eltern, Lehrer und Kinder zusammengestellt.
Schon 1870 erfolgte die 2. verbesserte Auflage. Dazu schrieb 1888 der „Schwäbische Merkur“ : „Dieses Namensbüchlein ist ein ganz vortreffliches Werk, die kurze Erklärung jedes Namens ist nicht nur voll reichen Wissens sondern auch poetisch und sinnig und heute noch darf dasselbe allen empfohlen werden, welche ihren Kindern nicht die üblichen Modenamen oder gar französische, englische oder russische Vornamen geben wollen, sondern einen schönen und sinnreichen deutschen Namen zu erwählen wünschen.“ Bei den Urenkeln Pfarrer Eiferts versuchte ich Einblick in dieses Büchlein zu nehmen. Leider war bei ihnen kein Exemplar vorhanden. Doch über die Landesbibliothek in Stuttgart konnte ich eine Kopie erhalten. Es ist eine wahre Fundgrube und heute noch lesenswert. Sogar ein Nachdruck wäre zu empfehlen.

Einige Beispiele daraus:

Bruno: altdeutsch, von brun, gelb, röthlich, dunkelfarbig = der Braune.
Tag. 18. Juli, 6 Oktober
Geschichte. Apostel der Preußen 999, an der Grenze von Russland erschlagen 1008.
1. Sam. 16,12 David war bräunlicht.
Oder nach Andern (Wiarda.) Brun = glänzend, berühmt, klar Bruno der Glanzvolle.
Oder. deutsch von brünne, der glänzende Harnisch: der Geharnischte.

Waldemar: deutsch, von walt oder bold, und mar = berühmt; durch Kühnheit und Herrschaft berühmt.

Waldburga: deutsch, Walt = Macht, burg = Macht, machtbeschützend, bewahrend
Geschichte: Tochter von König Richard von England, von Bonifaz zur Äbtissin von Heidenheim berufen, verst. 780.


Leider wird in unserem Land von Amtswegen nicht gegen das Überhandnehmen von Fremdwörtern und ausländischen Namen eingegriffen. Es wird geduldet und viele Wörter und Begriffe haben sich sogar in die Amtssprache eingenistet.
Im Nachbarland Frankreich ist es anders. Dort wurde gesetzlich verfügt, dass die Amtssprache reines Französisch sein muss.
Bei uns wurde kürzlich gegen die kulturelle Selbstaufgabe ein „Kulturpreis Deutscher Sprache“ gestiftet, der erstmals im Herbst 2001 vergeben wird. Er ist mit 70.000 DM (35.900 Euro) dotiert. Der Verein „Deutsche Sprache“ hat ihn zusammen mit der Baden-Badener „Eberhardt-Schock-Stiftung“ ins Leben gerufen.

Anzumerken ist, dass Hermann Fischer ein 6-bändiges Schwäbisches Wörterbuch erstellt hat. Dr. Arno Ruoff wurde 1999 der von Carl Herzog von Württemberg gestiftete Ludwig-Uhland-Preis für Mundartforschung verliehen. Beide haben zeitaufwändige Forschungen über die Anfänge und Entwicklung unserer Sprache angestellt. Solche Persönlichkeiten heben sich wohltuend von den Verhunzern unserer Muttersprache ab. Leider sind es wenige.

In seiner Dankrede erklärte der Preisträger Dr. Arno Ruoff im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses auszugsweise:
Nur durch unsere Sprache sind wir anders als die anderen, die Mundart ist die letzte Bastion des Wir-Bewusstseins, sie bildet den Kern des Zusammengehörigkeitsgefühls. Natürlich ist die Schriftsprache unverzichtbar als deutsche Gemeinsprache, natürlich hat sie ihren ungemeinen Wert als Sprache des Geistes, der Wissenschaft, der Abstraktion. Aber die Mundart bleibt doch immer die Sprache der Nähe, der Vertrautheit, der Familie, der Heimat, die Sprache der „Herztöne“, aus der - wie Goethe einmal sagte - so eigentlich die Seele ihren Atem schöpft. Wir müssen beiden Sprachformen - Schriftsprache und Mundart - ihre Eigenart und ihr Eigenrecht zugestehen.
Soweit aus der Dankrede die nur unterstrichen werden kann. Fischer und Ruoff hatten erkannt, dass sich unsere Mundarten in den letzten Jahrhunderten nur wenig verändert haben und dass sich an ihnen die Geschichte der deutschen Sprache zurückverfolgen ließ.


Jetzt zu dem von mir verursachten Streit:

Bei einer Abendunterhaltung 1993 waren 10 von 12 Programmpunkte mit französischen und englischen Ausdrücken in der Einladung bezeichnet, mit denen die überwiegend älteren Besucher nichts anzufangen wussten. Dies nahm ich zum Anlass in der lokalen Presse diese Unsitte anzuprangern.

Da habe ich vielleicht ins Wespennest gestochen. Drei Akademiker gingen massiv und beleidigend in ihren Gegenerklärungen auf mich los. Auch der von mir zitierte Friedrich Ludwig Jahn bekam sein Fett ab. Er wurde als Deutschtümler übelster Sorte tituliert.

Der Leiter der Volkshochschule Oberes Enztal ging sogar so weit, den Abend der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 meinen Ausführungen entgegenzustellen. Er schrieb:
Am Berliner Opernplatz versammelten sich junge Menschen in braunen Uniformen um einen großen lodernden Scheiterhaufen, auf welchem Mengen von Büchern verbrannt werden. Nacheinander treten die Männer vor und rufen ihre Parolen in die gespenstisch erhellte Nacht. Als letzte der neun Rufer treten zackig zwei braune Burschen vor.
8. Rufer: „Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache! Für Pflege des kostbaren Gutes unseres Volkes“ Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Alfred Kerr.“ 9. Rufer: „Gegen Frechheit und Anmaßung! Für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky.“ Und 1993 jährt sich das Gedenken an die Aktion, die als Bücherverbrennung in die Geschichtsbücher Eingang fand, zum 60. Mal.
Welcher Teufel muss einen Menschen antreiben, wenn er im derzeitigen Klima der Fremdenfeindlichkeit ohne Angabe eines Anlasses eine in der Sache völlig verquere, sprachlich missglückte Attacke auf fremdländische „Wortgebilde“ in der deutschen Muttersprache reitet? Dass dabei auch noch Turnvater Jahn“ als Zeuge bemüht wird, macht die Angelegenheit erst recht unappetitlich. Es bleibt mir nur, Herr Barth einen Wohnungswechsel zu empfehlen: Er sollte von der „Hölderlin“ - in die „Jahnstraße“ umziehen.“ Soweit aus der Erwiderung des VHS-Leiters.

Seine und auch die Entgegnungen der beiden anderen waren Brunnenvergiftungen übelster Art. Schutz der deutschen Sprache mit Fremdenfeindlichkeit gleichzusetzen ist unsinnig.

Es ist doch das Recht eines Bürgers, dass er das, was er in Wort und Schrift vorgesetzt bekommt, auch versteht. Mehr wollte ich nicht ausdrücken.

Friedrich Ludwig Jahn war kein Deutschtümler schlimmster Sorte, sondern er trat damals entschieden gegen die deutsche Kleinstaaterei auf und war für ein einig Deutsches Vaterland, nicht für ein Völkergemisch des Habsburgerreiches mit seinen sieben Sprachen.
Jahns Nationalbewusstsein war doch entschieden besser als wenn er ein „Vaterlandsloser Geselle“ gewesen wäre oder ein Speichellecker Napoleons, wie damals manche süddeutschen Fürsten.

Im Bertelsmann-Lexikon steht über Jahn folgendes:
Er kämpfte um die Einheit und Wiederbelebung der Werte des deutschen Volkes und trat ein für die Pflege der Muttersprache und Reinhaltung von Fremdwörtern.“ Gleichzeitig hat er für die Körperertüchtigung unseres Volkes Großes geleistet.

Auch Carl Maximilian Eifert war in der Frage der deutschen Einheit und in der Pflege der Muttersprache mit Jahn einer Meinung. Seit 1819 war Eifert ein eifriger Turner, denn auf dem Turnplatz fand er die Stätte für seine Ideale, namentlich die Vorbereitung für die Verwirklichung seiner politischen Anschauungen, welche Eifert, wie alle geistig regsamen Jünglinge, damals erfüllte.
Im Nekrolog 1888 heißt es: „Carl Maximilian Eifert war ein edler, idealer Charakter, er hat seinen Posten voll und vortrefflich ausgefüllt. Wohl der Kirche und dem Staat, wenn sie viele solcher Männer zu den ihrigen zählen dürfen!
Neben den 3 kritischen Stellungnahmen erhielt ich viele Anrufe und Zuschriften, die meine Ansicht teilten. Auch das nachstehende sinnreiche Gedicht wurde mir zugesandt:

Ethnie - Ethnos

So mancher Deutsche aus dem Osten
scheut keine Mühe, scheut keine Kosten,
damit er bei uns endlich findet,
was letztlich alle Deutschen bindet:
die Heimat, wo man Deutsch noch spricht,
Rumänisch, Tschechisch aber nicht,
und Russisch, Polnisch darf vergessen.
Nur er kann voll und ganz ermessen,
was die Kultur in unsrem Lande,
seit eh und je brachte zustande.
Doch was muss schließlich er erleben,
wenn gar erfolgreich war sein Streben?
Er spitzt die Ohren, glaubt es kaum
und hält’s für einen schlechten Traum.
Wie Regen auf die Dächer nieselt,
so wird nun englisch er berieselt.
Am Bildschirm und im Radio
hört schockiert und gar nichtfroh,
von Sonys, Top-Hits, für Twens und Teens,
von Oldies, Sound und Evergreens.
Beim Power-Play, der Keeper hält.
Den Girls und Boys die Show gefällt.
Als wär’s ein Trumpf für das Geschäft,
die Werbung gerne Englisch kläfft.
Doch auch die gute alte Zeitung,
übt fleißig mit an der Verbreitung,
das Ami-Deutsch mit dry und pop,
insider, meeting, soft und spop,
mit instant, hifi, happy, liner
und drouble, dressing, look, designer
Der Jet-set sich im Nightclub aalt.
Der Kunde gern im Center zahlt.
Will man mit jungen Leuten sprechen,
muss man schon Englisch radebrechen.
Auf jeden Satz folgt ein 0. K
das tut den armen Ohren weh.
Kein Wunder, dass die deutsche Band,
versnobt sich noch englisch nennt.
im Underground der Dealer lebt,
der Fixer high im Traume schwebt.
Noch weiter geht’s auf diese Weise.
Das Deutsche spricht man nur noch leise,
den Ami-Slang aus voller Lunge
mit breitem Mund und runder Zunge.
Das Englisch ist heute „In“ für unsre Sprache kein Gewinn.
Man macht uns weis, als könnt mitnichten
auf diesen Sprachschatz man verzichten.
In Frankreich man Französisch liebt
und Englisch aus der Sprache siebt.
Denn nur wer etwas auf sich hält,
der fremden Sprache nicht verfällt,
sonst heißt bestimmt einmal ein Quiz.
Wer kann noch deutsch? Das ist kein Witz!!

Die Kultusminister der Bundesländer wären gut beraten gewesen, etwas für die Reinhaltung der deutschen Sprache zu tun, anstatt eine sinnlose Rechtschreibreform, gegen den Willen des Volkes, einzuführen.
Diese unfähigen Beteiligten gehören für den Schaden in Milliardenhöhe haftbar gemacht.
Wie die ebenfalls unsinnige Mengenlehre, die jahrelang in übelster Weise Schulkindern und Eltern böse mitgespielt hat, aber zu guter letzt wieder abgesetzt wurde, gehört auch die Rechtschreibreform in die Schublade.
Der Parlamentarismus hat in beiden Fällen versagt. Auch der Druck der öffentlichen Meinung war viel zu schwach und daher unwirksam.

Wo blieb da die sogenannte Intelligenz?
 

Internetlinks zum Kapitel
 


Zurück zur Buchbeschreibung  -  Vorheriger Textauszug  -  Nächster Textauszug