Fritz Barth

Wie der Provisor einen Geist bannte

Von 1887-1890 war Max Spohr Provisor (Hilfslehrer) an der Schule in Calmbach. Später wurde Spohr Rektor in Korntal. Er schilderte in einem Brief an Bürgermeister Blaesi wie es damals im Ort zuging.

Lehrer und Schulkinder seien immer erfreut gewesen, wenn sie mit einem Langholzfloß ein Stück die Enz runterfahren durften. Nasse Schuhe und nasse Kleider wurden, bei der Durchfahrt durch die Floßgassen, gerne in kauf genommen. Provisor Spohr berichtete weiter, wie er sich damals auch Verdienste um den Ort erworben hätte, als er den gefürchteten Geist „Hannesle“ zur Beruhigung der Schulkinder und Eltern entlarven konnte.

Allgemein war im Ort bekannt, dass der Geist „Hannesle“ im Schulhaus und dort insbesondere in der Provisorei spuken und allerlei Schabernack treiben würde. Das Zimmer des Provisors war ganz oben im Schulhaus, das direkt über dem Calmbächle lag. Darin entstand von Zeit zu Zeit ein fürchterliches, ohrenbetäubendes Geräusch, das jedoch von niemandem verursacht wurde.
Dies konnte deshalb nur der „Hannesle“ sein. In einer Winternacht im Jahr 1888 während der Geisterstunde um halb ein Uhr hatte der Provisor selbst Gelegenheit den Spuk zu erleben. Das Gepolter war kurz aber laut. Er erschrak sehr. Der Provisor zündete eine Kerze an und untersuchte alles gründlich. Unter der Bettlade und im Schrank zeigte sich nichts Verdächtiges. Unruhig ging er wieder ins Bett.

Am nächsten Morgen nun, an einem kalten Novembertag, musste er seinen alten Ofen anheizen, da er auch sein eigenes Dienstmädchen war.
Er öffnete ahnungslos das Ofentürchen und da lag das böse „Hannesle“ in Form eines Ziegelsteins, der sich ausgerechnet zur Geisterstunde vom Kamin hoch oben auf dem D h losgelöst hatte und durch ein Blechrohr 3 Stock tief unter einem Höllenspektakel heruntergesaust war.
Seinen Vorgängern im Schulamt ist das sicherlich auch passiert. Aber voller Angst haben sie nicht gründlich nachgeforscht wie der neue Provisor.

Tags darauf lief der Provisor mit dem Ziegelstein unterm Arm mit gewichtigen Schritten ins Klassenzimmer und klärte die sichtlich erleichterten Kinder auf „Guckt alle her, das ist der Hannesle, der jetzt gebannt ist.“ Einer seiner Schüler musste den Ziegelstein durch alle Klassenzimmer tragen und zur Schau stellen. Dies sei der lange Zeit gefürchtete „Hannesle“, der nun gefangen und schadlos sei.

Und tatsächlich wagten von nun an auch die ängstlichen Gemüter wieder, die Provisorei zu betreten. Ein allgemeines Gefühl der Erleichterung ging durch den Ort, denn der Aberglauben war in jener Zeit nicht nur in Calmbach, sondern landauf-landab in deutschen Landen im Schwange. Damals war Herr Häberlen, ein netter Mann Schultheiß.

Der Pfarrer hieß Wölfle. Er war ein ganz jovialer freundlicher Herr und grundgelehrt. Seine wohlgelungenen Predigten hielt er aus dem Stegreif Der Provisor schilderte, dass die 3 Jahre Aufenthalt in Calmbach zu den schönsten seines Lebens gehören würden. Gar oft sei er die steilen Waldhänge hinaufgewandert und hätte dem Enztal entlang gejohlt. Wenn im Tal jemand fragte, was das Johlen bedeutet, so wusste jedermann zu antworten: „Das ist der Provisor, der hat halt keine Sorgen“.


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