Fritz Barth

Wie es damals in Calmbach war

Von der guten Zeit um 1900 bis zur Notzeit 1917

Die sogenannte „gute, alte Zeit“ im Deutschen Reich, mit ihren 43 Friedensjahren, hatte ihre positiven Auswirkungen auch auf den Ort Calmbach und die anderen Orte des Oberen Enztals. Deren Bewohner waren ein harter und genügsamer Menschenschlag, die ihren Broterwerb in den verschiedenen, mit der Waldwirtschaft zusammenhängenden Berufen fanden.
Das Tal der Kleinen Enz und besonders das breitere Tal der Großen Enz, sowie die teilweise unbewaldeten Berghänge, gaben Raum für bescheidene kleine Nebenerwerbslandwirtschaften. Dadurch war eine gewisse Lebensmittel-Selbstversorgung der klein-parzellierten Grundbesitzer, zusätzlich zu den kargen Löhnen als Holzhauer, Fuhrmann, Säger, Flößer und den damit zusammenhängenden Handwerksberufen möglich.
In der langen Friedenszeit war daher ein bescheidener Wohlstand für, manchen strebsamen und sparsamen Bürger erreichbar.

Dann drang die Industrialisierung auch in unser Tal vor. Besonders die Übersiedlung der Feinmechanischen Werkstatt Alfred Gauthier am 21.4.1902 von Pforzheim nach Calmbach auf ein Wiesengelände im Calmbachtal und auch auf das Gelände der Lutz’schen Kunstmühle schuf durch deren schnelle Ausdehnung weitere Arbeitsmöglichkeiten für die Bewohner Calmbachs und der umgebenden Orte.
Die Einwohner waren jetzt nicht mehr nur auf die mit der Waldwirtschaft zusammenhängenden Berufe und Arbeitsmöglichkeiten angewiesen. Es war verständlich, dass die Sägewerksbetriebe und die Handwerker manchen Arbeiter an den Industriebetrieb verloren haben.
Schon 1911 wurde ein Neubau begonnen und 1913 fertig gestellt. Vor dem 1. Weltkrieg beschäftigten die Brüder Alfred und Gustav Gauthier bereits 320 Mitarbeiter. Konstruiert und gefertigt wurden damals Kameras und Photoverschlüsse und in der Abteilung Maschinenbau die für die Teilefertigung notwendigen Spezialmaschinen, wie Drehautomaten und später auch Abwälzfräsmaschinen. Diese schnelle Entwicklung der Firma Gauthier wurde durch den Kriegsbeginn am 1. August 1914 unterbrochen. Die Fertigung musste größtenteils auf Rüstung (Zünderfertigung) umgestellt werden.


Notizen aus Gemeinderats-Protokollen:

1912
: Erteilung des Bürgernutzungsrechts. Dazu wurde ein Ortstatuarisches Einstandsgeld von 75.- Mark erhoben.

1907-1912 wurde je nach Einkommen folgende Feuerwehrabgabe erhoben: 3-6 und 10 Mark.

1912 wurde eine Kraftwagenverbindung für Personen und leichtes Gepäck Liebenzell - Hirsau - Calw - Teinach -Rötenbach - Oberreichenbach - Calmbach und Wildbad eingerichtet. Vom Stadtschultheißenamt Calw wurde den Gemeinden mitgeteilt, dass ab Mai diese Verbindung ihren Betrieb aufnimmt.

23.1.1913: Der Bezirksschul-Inspektor hat folgende Schulen in Calmbach einer Prüfung unterzogen: 1. Mittelschule, 2. Volksschule, 3. Fortbildungsschule, 4. Handarbeitsschule

25.4.1913: 47 Ziegen am Ort. Deshalb muss ein Zuchtziegenbock angeschafft werden.
Die Klasse 1 der Volksschule hat 80 Schüler.

17.12.1913: Zur Amtsversammlung für das Kalenderjahr 1914 wurden gewählt: Schultheiß Hörnle und Gemeinderat Friedrich Keppler. Als Stellvertreter Gemeinderat Alfred Gauthier.

7.8.1914: Schultheiß Hörnle spricht in GR-Sitzung von ernsten Zeiten, welche über das Deutsche Reich hereingebrochen sind, und schlägt die Gründung eines Hilfskomitees vor, für in Not gekommene Angehörige von Eingezogenen. Die Gemeindekasse stellt 2000,- Mark den Geschäftsleitern des Komitees, Pfarrer Gonser und Schultheiß Hörnle, zur Verfügung. Weitere Mitglieder des Hilfskomitees waren Forstmeister Dr. Ramm, GR Alfred Gauthier, GR Friedrich Keppler, Bürgerausschussmitglied Kiefer und Kirchengemeinderat Altschultheiß Häberlen.

21.8.1914: Wegen dem Kriegszustand werden verschiedene Geschäfte geschlossen. Für Arbeitslose gab es durch die Gemeinde Notstandsarbeiten in der Mittleren Steige (alte Badstraße). Für 15000,- Mark wurden diese Arbeiten nach Plänen von Architekt Siegler ausgeführt.

26.11.1914: 280 Calmbacher waren zu diesem Zeitpunkt im Wehrdienst.

8.9.1914: Die Gemeinde Calmbach zeichnet mit 16000,- Mark die 5. Reichsanleihe zur Finanzierung des Krieges.

9.2.1917: Die Gemeinde Calmbach muss 240 Zentner Heu für das Heer abliefern.

9.2.1917: Zur Gewinnung von Kartoffelland soll eine Fichtenkultur am Köpfle (ober Brühläcker) gerodet werden. 

21.9.1917: Die Zahl der Ziegen beträgt jetzt 129. Allein der Anstieg der Ziegenhaltung von 1913 (47 Ziegen) bis 1917 (129 Ziegen) zeigt die Versorgungsnotlage. Nur mit der Kleintierhaltung konnte die Hungersnot abgemildert werden.


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