Fritz Barth sen.

Der Vater des Autors:
Fritz Barth, 1900-1995

Die Enztalflößer vom Schwarzwald

Wie es der Vater des Buchverfassers erlebt hat

Die Flößerei im Enztal ging bis tief ins Mittelalter zurück. Dafür zeugt ein Floßvertrag, der im Jahr 1342 zwischen dem Grafen Ulrich von Württemberg und dem Markgrafen Rudolf von Baden geschlossen wurde. Durch diesen Vertrag wurde die Große und die Kleine Enz zu einer offenen Wasserstraße erklärt, also wurde eine allgemeine Floßfreiheit verbürgt, die ein jeder gegen Entrichtung von Abgaben an die Wehrbesitzer benützen durfte. Die eingehenden Mittel sollten zur Anlegung für Stauwehre und sonstige Einrichtungen und deren Unterhaltung verwendet werden, ohne die Flößer zu belasten.
    Dazu wurden Zollstationen eingerichtet. Die erste war an der Bömliswag, weitere in Neuenbürg und Pforzheim.
Die Flößerei, der Wald und der Holzhandel brachten gute Verdienstmöglichkeiten in das holzreiche, aber sonst sehr arme Enztal. In den Enztalorten gab es damals viele Flößer, Holzhauer und Holzhändler.
    Als Unternehmer traten Schiffer oder Schiffsherren, wie die Flößer ihre Brotgeber nannten, auf.

Daß in Calmbach eine Anzahl Schiffsherren waren, beweisen uns die Türbalken an den alten Häusern mit dem Anker, dem Schifferzeichen, ebenso weist das Calmbacher Wappen einen Anker auf. Demnach war Calmbach der Hauptsitz des Holzhandels und der Flößerei. Flößer gab es noch in Wildbad, Höfen und in Neuenbürg. Geflößt wurde auf der Großen und der Kleinen Enz und im Nagoldtal.
    Auf der Eyach und der Alb wurde nur die Scheiterholzflößerei betrieben, was bald wieder eingestellt wurde.
    Lange Zeit, einige Jahrhunderte, hatten die Enztalflößer bis nach Mannheim geflößt. In Heilbronn wurden zwei Flöße nebeneinander gebunden und die Fahrt ging weiter bis Mannheim, das war das Endziel. Manchmal waren auch Schnittwaren, Bohlen, Bretter und Balken auf das Floß geladen, für den Mannheimer Holzmarkt.
    Von da aus bis nach Holland nahmen die Fahrt andere Flößer vor.

Die Calmbacher Flößer waren im ganzen Enz- und Neckartal bekannt. In Pforzheim und in Heidelberg rief man ihnen nach „Jockele sperr“.
Viele Leute standen am Ufer und schauten ihnen nach. Sprichwörtlich waren auch die lauten Stimmen und der Durst der Flößer.
    An den Haltestellen im Neckartal brachte man den Wein mit dem Eimer aufs Floß. Wann das Ziel, Mannheim, erreicht war, fuhren die Flößer mit dem Zug wieder heim bis Pforzheim. Das letzte Stück bis Calmbach mußte zu Fuß zurückgelegt werden, die Eisenbahn Pforzheim - Wildbad gab es noch nicht, wurde erst ums Jahr 1868-70 gebaut.

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts erreichte die Flößerei nochmal einen Höhepunkt, dann verlor die Flößerei nach Mannheim und nach Holland mehr und mehr ihre bisherige Bedeutung, teils wegen der Konkurrenz ausländischer Hölzer, teils wegen der Eisenbahn, welche das Langholz beförderte. Die Flößerei wurde dann nur noch bis Sägewerk Krauth und Co. Rotenbach wahrgenommen, das war damals eines der größten Sägewerke in Süddeutschland.

Auf der Großen Enz ging das letzte Floß 1907 herunter. Die Flöße wurden auf dem Poppelsee gebunden, der See hatte unten ein Stauwehr, wo die Floße abgelassen wurden. Sonst brauchte man keine Stauwehre, denn das starke Wasser der Großen Enz mit den vielen Nebenbächen reichte aus.
    Auf der Kleinen Enz benötigte man einige Stauwehre, der normale Wasserstand war zu schwach. Stauwehre gab es, die Wasserstube einen Kilometer unter dem Kleinenzhof, es war das größte von allen, dann die Eisenstube, oberhalb dem Kleinenzhof, den Brühl am jetzigen Wasserlehrpfad oben, die zwei Anbindestuben Agenbacher Sägemühle und Rehmühle. Auf dem letzten Stück gab es noch zwei kleine, den Schleifwasen und das Langeck, welches sich bald am Ursprung der Kleinen Enz befand. Dort wurden auch manchmal Flöße gebunden.
    Die letzten 15 Jahre der Flößerei habe ich noch erlebt. In den Schulferien habe ich manchmal zusehen können, wie so ein Floß zustandekam.
    Bei der Agenbacher Sägemühle war die Anbindestube, wo große Polter von Langholz gelagert waren, welche den Winter über von Pferde- und Ochsenfuhrwerken von den umliegenden Wäldern hergefahren wurden. Zum Anbinden wurde eine große Anzahl Stämme ins Wasser gelassen, etwa gleichlange wurden mit der Hakenstange herangezogen, zu Gestören von je 8 Stämmen auf die genaue Länge abgesägt, mit dem großen „Flozbohrer“ vorne und hinten angebohrt und Ösen mit Holzgewinden eingeschraubt. Durch die Ösen hindurch wurden die Gestöre mit Wieden; zusammengebunden.

Zwischen zwei Gestören mußte ein Abstand von etwa 30 cm gelassen werden, wegen der Gelenkigkeit des Floßes. Bei einer großen Kurve wäre sonst dasselbe steckengeblieben. Je vier Gestöre wurden durch das Stauwehr abgelassen, um Platz zu schaffen, die nächsten binden zu können. Das ging so weiter, bis das Floß seine richtige Länge von ca. 200-250 m hatte. Das erste und zweite Gestör, genannt der Spitzen, war aus Kleinholz gebunden, damit das Floß besser gelenkt werden konnte. An diesen war auch der Reienbengel angebracht, dieser war sehr wichtig. Bei der Durchfahrt eines Stauwehrs mußte der zweite Flößer den Reienbengel nach unten drücken, daß das erste Gestör vorn in die Höhe ging und nicht auf dem Boden aufstieß, das Floß hätte sich sonst aufeinander geschoben.
    Das vorletzte Gestör trug die Sperre, der mittlere Stamm war zwei Meter kürzer, genannt der Sperrstamm, es wurde ein Aufbau von kurzen Hölzern angebracht, durch welche der Stommel gesteckt wurde zum Sperren. Die Sperre war auch sehr wichtig, das Floß konnte sonst nicht zum Stehen gebracht werden.
    Das letzte Gestör war der Wedel, es waren ungleich lange Stämme, welche sonst nicht untergebracht werden konnten. Auf einem Gestör war eine Ladung angebracht für Mitfahrende und wo die Flößer ihre Hinterefürsäcke und andere Sachen ablegen konnten.

Eine Floßmannschaft

Eine Floßmannschaft
 

Eine Floßmannschaft bestand aus 4-5 Mann. Alle vier Tage war ein Floß gebunden und konnte abfahren bis Rotenbach. Ein Flößer stand auf dem Spitzen, um das Floß zu lenken mit der Flößerstange, der zweite Flößer stand am Reienbengel, um mitzulenken. Der jüngste Flößer mußte dem Floß vorauslaufen, um die Stauwehre zu öffnen.

Zwei Tage waren nötig zum Ausschleifen des Floßes (Auseinandernehmen). Die Wieden wurden rund zusammengelegt und auf einen Leiterwagen geladen, ebenso die Ösen, dann das Enztal hochgefahren für das nächste Floß.

Tagesablauf der Flößer
Die Anbindestube war neben der Agenbacher Sägemühle, damals war noch eine Wirtschaft dabei. Die Wirtin mußte den Flößern das Mittagessen richten, schlafen konnten sie oben in zwei Dachkammern. Zu dieser Zeit gab es dort noch kein elektrisches Licht. In der Wirtschaft hing noch eine Erdöllampe, das war die ganze Beleuchtung vom Hause.

Damit das Wasser nicht unnötig abfloß, hatte der Agenbacher Säger, wie man ihn nannte, die ganze Nacht das Gatter laufen lassen, als Beleuchtung hatte er nur die Erdöllampe. Das Gatter lief sehr langsam, bis ein Stamm durch war, ging eine halbe Stunde herum. Der Säger legte sich so lange auf einen Strohsack zum Ausruhen. An dem Gatter war eine Kuhschelle angebracht, welche läutete, wenn der Stamm durchgelaufen war, er stand dann auf und ließ den nächsten Stamm durch. Manchmal wurde er von seiner Frau abgelöst, welche auch das Gatter bedienen konnte.

Die Flößer standen in aller Frühe auf und gingen zur Arbeit, da gab es noch keinen 8 Stundentag, 14 Stunden war die übliche Arbeitszeit, das Floß mußte fertig werden. Es wurde im Akkord gearbeitet nach Festmeter.

Die Flößerei war eine harte Arbeit, beim Anbinden standen die Flößer den ganzen Tag im Wasser bis an die Knie, manchmal bei Wind und Regen. Deswegen hatten die Flößer die langen, bis an den Leib reichenden Stiefel. Pfarrer Eifert schreibt in seiner Calmbacher Chronik 1850, die längsten Stiefel der Welt.

Manchmal kamen auch einsame Wanderer vorbei in das abgelegene Tal und schauten den Flößern zu. An den Tagen, wo ein Floß abfuhr, waren manchmal einige Leute da und wollten mitfahren. Ein besonderes Erlebnis war es, wenn an einem Sonntag eine Floßpartie stattfand.
    Im Jahr 1912 waren die Mitglieder des Schwarzwaldvereins von Stuttgart da, mit 60 Personen und machten so eine Fahrt durch das schöne Enztal mit. Auf dem Floß waren dazu 6-8 Ladungen Oblast angebracht, das waren die Bänke für die Leute.
    Dazu war auch die Musikkapelle von Calmbach bestellt. Die Gäste aus Stuttgart waren begeistert von so einer herrlichen Fahrt bis nach Calmbach, etwa 2 - 2 1/2 Stunden.
    Etwas später war nochmal so eine Floßpartie, nur war es der Schwarzwaldverein Pforzheim.

Aus dieser Zeit stammen auch die Flößerbilder, welche Fotograf Blumenthal aus Wildbad gemacht hat.

Eines möchte ich noch besonders erwähnen: Es war noch vor der Jahrhundertwende, als König Wilhelm II. von Württemberg noch als Kronprinz zur Hirschjagd im Kleinen Enztal weilte, in Begleitung von Herrn Forstmeister von Hofstett. Der Kronprinz hatte in dem Gasthaus zur Rehmühle übernachtet. Die Flößer hatten dort ein Floß gebunden und saßen abends in der Wirtschaft bei einem wohlverdienten Glas Bier. Daß sie immer Durst hatten, durfte auch dem Kronprinz Wilhelm bekannt gewesen sein, denn er zahlte und zahlte den Flößern. Diese wurden immer lustiger, sangen und krakeelten die ganze Nacht hindurch. Der Kronprinz soll sich darüber köstlich amüsiert haben. Als sie es zu toll getrieben hatten, soll er in aller Frühe das Weite gesucht haben.
    Die Flößer sollen dann noch zwei Tage und zwei Nächte durchgemacht haben, bis sie am Wirtstisch eingeschlafen sind. Als sie erwachten, ging die Trinkerei wieder weiter. (Nach der Erzählung eines alten Flößers).

In der Kleinen Enz waren viele Gompen eingebaut (kleine Wasserfälle). Man erreichte dadurch, daß das Wasser schneller lief, die Flöße kamen eine Stunde früher in Calmbach an. Durch die vielen Stauwehre war immer genug Wasser vorhanden, die Flöße rechtzeitig ans Ziel zu bringen. Auf dem Kleinenzhof mußte das Floß kurze Zeit anhalten, der Flößer an der Sperre schlug den Stommel hinein.

Das Floß fuhr schneller als das Wasser, sonst wäre dasselbe auf den Normalwasserstand gekommen und wäre steckengeblieben. Wenn das trübe Floßwasser in Calmbach ankam, wußten die Leute, daß bald ein Floß kam. Die Kinder schrien „ein Flöz kommt, ein Flöz kommt“ alles sprang an das Ufer und schaute zu.

An der Bömliswag wurde dann halt gemacht, später ging es weiter bis Rotenbach, dort fuhr das Floß in den Kanal ein und wurde ausgeschleift. Es waren Masten angebracht, wo die Stämme mit Seilwinden auf das Folter gezogen wurden, 10-15 Stammreihen übereinander. Manchmal wurde ein Floß in der Bömliswag ausgeschleift, für das Sägewerk Keppler, damals war noch das Sägewerk Bömlismühle in Betrieb. Die Stämme wurden an den Ösen eingehängt und von zwei Pferden auf den Polterplatz gezogen.

Am Sonntag waren die Flößer zu Hause. Montag morgens um 4 Uhr ging es wieder zu Fuß das Kleine Enztal hoch, die Hinterefürsäcke auf dem Rücken, gepackt mit Brot und Vesper, das mußte wieder 4 Tage reichen. Der jüngste Flößer mußte die Stauwehre schwellen, das heißt, dieselben wieder schließen, damit sie bis zum nächsten Floß vollgelaufen waren mit Wasser. Geflößt wurde vom April bis Oktober, dann wurde es den Winter über eingestellt, wegen der Kälte. Am Martinstag wurde abgerechnet, die Flößer bekamen ihren Lohn ausgezahlt vom Schiffsherren. Die Flößer hatten dann etwas Ruhezeit.

Das Wiedmachen
Im Winter wurde das Wiedmachen vorgenommen. Der Platz und der Wiedofen war hinter der Milchzentrale. Es wurde ein Wagen mit Tannen- und Fichtenstängle herangefahren. An der starken Stelle wurde ein spitzzulaufender Vierkant gehauen. Die Stängle wurden im Wiedofen erhitzt und in einen starken Pfahl gesteckt, in welchen auch ein Vierkant gehauen war, damit sich die Stängle nicht drehen konnten. Dieselben wurden dann mit dem Wiedbengel gedreht, bis sie beweglich waren und gebogen werden konnten. Bei dem Wiedmachen wurde den Flößern das Essen gebracht von ihren Frauen.

Das Bachräumen
Jedes Frühjahr, bevor das Flößen wieder anging, mußte der Bach geräumt werden. Die den Winter über angeschwemmten Steine und Unrat mußten aus dem Bach getragen werden. Die Flößer mußten in den langen Stiefeln in dem Bach hochlaufen bis zur Rehmühle. Die Flöße mußten ohne Anstoßen durchfahren können.

 Die Flößerei wurde noch über den ersten Weltkrieg hinaus betrieben. Das ganze Holz wurde damals zu Stollenbrettern gesägt, für den Stellungskrieg in Frankreich. Die Sägmühlen arbeiteten mit Hochbetrieb Tag und Nacht.
    Das war auch der Grund, daß 1918 einige Fliegerbomben auf das Sägewerk Keppler geworfen wurden. 4 Bomben fielen allerdings in den nahen Wald, im Meistern, eine fiel vor das Wohnhaus Keppler, es war aber ein Blindgänger und machte keinen Schaden. An dieser Stelle steht heute noch ein Erinnerungsstein mit Inschrift.

Das letzte Floß ging leider 1919 die Kleine Enz herunter. Wir Calmbacher aber fühlten, daß das Enztal um eine charakteristische Erscheinung ärmer geworden ist und mit dem letzten Floß ein Stück Alltagspoesie dahinging. Um die Flößerei ist es still geworden im Enztal.
    Die alten Flößer sind in den letzten Jahrzehnten alle ausgestorben. Die alten Calmbacher erinnern sich noch gerne an diese schöne Zeit und bei jeder Gelegenheit wird noch vieles darüber erzählt.

Meine erste Floßfahrt
Es war noch in der schönen alten Zeit ums Jahr 1912, als die Flöße noch die Kleinenz herunterfuhren. Damals war ich noch ein Junge von 12 Jahren und wollte auch einmal mitfahren. Ich hatte schon einige mal so ein Floß durch Calmbach fahren sehen. Da erfuhr mein Bruder und ich, daß am nächsten Sonntag eine Floßpartie mit den Mitgliedern des Schwarzwaldvereins aus Stuttgart stattfindet. In aller Frühe gingen wir hier los, das Kleinenztal bis zur Agenbacher Sägemühle hochzulaufen, damals gab es nur die alte Straße am Kleinenzhof vorbei. Nach 3 Stunden kamen wir dort an.
    Die Gäste aus Stuttgart waren schon da, etwa 60 Personen, man hörte schon von weitem die Musik spielen. Es war die Calmbacher Musikkapelle, welche dazu bestellt wurde. Die Leute saßen auf der Wiese neben dem Floß und warteten der Dinge, die da kommen sollten.
    Auf dem Floß waren 6-8 Ladungen, das waren die Bänke für die Leute. Das Stauwehr oberhalb dem Floß war voll mit Wasser. Nachdem die Flößer noch gut von den Gästen bewirtet waren mit Wein und Bier, hieß es einsteigen. Die Musikkapelle und die Leute nahmen Platz auf den Ladungen.
Wir Schuljungen konnten auch noch einen Platz auf einer Ladung bekommen. Die Flößer nahmen auch ihre Plätze ein, ein Mann stand auf dem Spitzen, um das Floß zu lenken mit einer Flößerstange, ein zweiter Mann stand auf dem 2. Gestör am Reienbengel und half mit zu lenken. Ein Mann war an der Sperre, der jüngste Flößer mußte dem Floß vorauslaufen, um die Staustuben zu öffnen.
    Das Stauwehr ober dem Floß wurde etwas geöffnet, um das Vorwasser abzulassen. Nach kurzer Zeit wurde das ganze Stauwehr aufgezogen und das Floß setzte sich in Bewegung. Welch ein Gefühl, das erste mal dabeizusein, für mich ist das eine Erinnerung fürs ganze Leben, es war eine sehr schöne Fahrt, das Kleinenztal ist eines der schönsten Täler des Nordschwarzwalds. 
    Damals gab es noch sehr wenig Autos und keinen Durchgangsverkehr, nur Pferde- und Ochsenfuhrwerke, welche das Langholz zu Tale brachten. Nach 2 Kilometer erreichte man das Stauwehr am Brühl, Man sieht heute noch die Staumauern, es ist da, wo der Wasserlehrpfad anfängt. Es war ein größeres Stauwehr, das Floßwasser reichte dann bis zum Kleinenzhof. Man hatte ein ängstliches Gefühl das erste mal durchzufahren, ob man nicht von dem starken Wasser weggeschwemmt wird. Die Leute mußten sich alle flach auf die Ladungen legen, um unter der Wehrtafel durchzukommen. Es ging alles gut, nur das Wasser ging über die Stämme hinweg und mancher hatte nasse Füße bekommen.
Nach 3 Kilometer erreichte man den Kleinenzhof, dort wurde haltgemacht. Der Flößer an der Sperre schlug den Stommel mit einer großen Axt hinein. Nach etwa 50 Metern kam das Floß zum Stehen. Das mußte sein, das Floß fuhr schneller als das Wasser, sonst wäre das Floß auf den Niedrigwasserstand gekommen und wäre steckengeblieben.

Lustige Floßpartie
Lustige Floßpartie auf der Kleinen Enz um 1910
 

Vom Enzhof kamen einige Leute an das Floß um es anzusehen. Die Enzhofwirtin brachte einige Glas Bier herbei für die Flößer. Zur richtigen Zeit ging es wieder weiter, sonst wäre das starke Floßwasser verlaufen. Die Musik spielte ab und zu, die Gäste aus Stuttgart waren begeistert von dem schönen Erlebnis einer Floßfahrt auf der romantischen Kleinenz. Einen Kilometer unter dem Enzhof erreichte man die Seeligwasserstube. Es war das größte Stauwehr vom kleinen Enztal, das gestaute Wasser reichte dann bis nach Calmbach.
    Das in den langen Jahren zerfallene Stauwehr wurde vor einigen Jahren wieder naturgetreu aufgebaut.
    Eine schöne Fahrt war es auch am Schlößle vorbei, an den Steilhängen des Meistern. So langsam näherte man sich Calmbach, man fuhr noch durch 4 Wehre der Sägemühlen hindurch. Von der Engebrücke bis zur Ankerbrücke standen die Leute am Ufer und schauten zu. Die Musik spielte durch ganz Calmbach hindurch. Bei der Sägemühle Barth Alte Höfenerstraße fuhr man in die Großenz ein, man hatte das Ziel Bömliswag erreicht.
    Der Flößer an der Sperre mußte das Floß rechtzeitig zum Stehen bringen, alle Flößer halfen mit und drückten mit Stangen das Floß an das linke Ufer, um es mit Ketten an Pfähle binden zu können. Nach 2 1/2 Stunden war die schöne Fahrt zu Ende, die Leute konnten dann aussteigen. Die Stuttgarter Gäste gingen ins Gasthaus zum Anker zum Essen, es war gerade Mittagszeit. Sie fuhren mit dem Zug wieder heim, wie sie gekommen waren, denn es gab damals noch keine Busse.
    Am Montagmorgen fuhr das Floß weiter bis Rotenbach, zu dieser Zeit wurde nur noch bis dorthin geflößt. Das Sägewerk Krauth und Co. war eines der größten in Süddeutschland.
    Ein Jahr später machte ich noch einmal die gleiche Floßpartie mit, nur war es der Schwarzwaldverein von Pforzheim. Zwischendurch hatte ich noch einigemale Gelegenheit mitzufahren, es waren nur Fahrten ohne Gäste und an Werktagen. Manchmal sprang ich mit anderen Jungen auf das fahrende Floß auf und fuhren vollends bis zur Haltestelle Bömliswag.

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Literaturtipp:
„Joggele Sperr!“ - Wissenswertes über die Flößerzunft im Zusammenhang mit der Geschichte Cambachs, zusammengestellt und herausgegeben von Hans Fischer, 1983, Reimherr-Druck Pforzheim, 120 Seiten, reich illustriert.
Das Buch ist auch über Fritz Barth erhältlich.
 


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