Fritz Barth

Evangelisation in der Kirche

Großvater erzählt. Es war vor dem l. Weltkrieg, in der sogenannten guten alten Zeit.

Unserer Metzgerbäs ihr 2. Mann hieß Nothacker und war auch ein Metzger wie ihr erster. Sie war, wie die meisten Frauen damals, eine regelmäßige, brave Kirchgängerin. Neben den sonntäglichen Gottesdiensten und den Bibelstunden wurde jedes Jahr auch eine Evangelisation abgehalten. Sie dauerte immer eine Woche.
Dazu hatten die Ortspfarrer immer feurige Gastprediger, sogenannte Evangelisten, eingeladen, die so recht aus Herzenslust ihre bigotten Sprüche losließen. Dabei wurde oft der Böse, der Teufel, an die Wand gemalt. Jung und Alt so recht bange gemacht, wenn sie sich nicht auf der Stelle bekehren würden. Manches Weib ging dann so richtig in sich und gelobte, eine bessere, treuere und auch fromme Ehefrau zu sein. Aber diese Stimmung, dieser Vorsatz, hielt immer nur ein paar Tage an.
    Genauso bei den Mannsbildern. Sie soffen sich lieber mit Most und Schnaps den Kragen voll, als daß sie allzulange Reue für ihr ungehobeltes und auch oft sündiges Leben zeigten. Sie fluchten bald wieder wie die Kornschützen und schlugen ihre Weiber, wenn sie nicht spurten. Also, es war wieder einmal soweit.
    Der Ortspfarrer kündigte sonntags im Gottesdienst eine besinnliche Evangelisation seinen Schäfchen an und forderte die Frauen auf, auch ihre Mannsbilder mitzubringen. Der Prediger würde aus Wölfen brave Lämmer machen. Dieser Ruf würde ihm vorangehen. Er hätte dies schon oft bewiesen.

Unsere Metzgerbäs wollte auch, daß ihr Mann, der ein arger Grobian war, zahm wie ein Lamm, ja eine Seele von Mensch, wird. Tagelang bearbeitete sie ihn, daß er auch mitgehen soll. Es sollte sein Schaden nicht sein. Aber er sagte nur: „Laß me en Ruah mit sowas.“ Sie versprach ihm alles und kochte in diesen Tagen seine Leibspeise. Eines Abends, es war schon der Schlußtag der Evangelisation, hatte sie ihn soweit. Er ging mit. Sie wußte aber nicht, daß er zum abendlichen Vesper den zweiten 2-Liter-Krug Most leergetrunken und auch einen kräftigen Schluck aus der Schnapsflasche genommen hatte. Beim gemeinsamen Kirchgang, die Viehgasse runter, merkte sie nichts. Der Alkohol wirkte noch nicht.
    Erst während der Erweckungspredigt, in der beheizten Kirche, machte sich bei unserem Metzgervetter der Alkohol bemerkbar. Er saß oben neben der Orgel. Nicht weit davon weg der Mesner, der ja nahe dem Geläute sein mußte.

Unsere Metzgerbäs saß unten im Chor auf ihrem Stammplatz. Hinter der Orgel bubelten wie immer die Konfirmanden. Trotz dieser Störung wurde unser Metzgervetter immer müder und die Augen fielen ihm zu. Er schlief ein und röchelte so vor sich hin. Auch der Mesner war eingeschlafen.
    Da tönten so gegen Schluß der Predigt die Worte des Evangelisten: „und sie kauften ein Joch Ochsen“ in Metzgervetters Ohren. Er nahm das im Unterbewußtsein auf. Im Halbschlaf rief er dann laut: „Oh, was könnet ihr Seckel Ochsen kaufa“. Alles erstarrte, war wie gelähmt. Selbst dem Prediger blieb einen Augenblick die Spucke weg. Er dachte, was gibt’s in Calmbach doch für ungehobelte Leute.

Unsere Metzgerbäs erkannte natürlich die Stimme ihres Mannes. Sie wäre am liebsten in ein Mausloch gekrochen. Die Konfirmanden lachten nach kurzer Erstarrung laut heraus. Auch die Alten konnten ihr Lachen nicht verkneifen.
    Als der Evangelist wieder Worte fand, legte er lautstark los wie noch nie. Seine Worte überschlugen sich, hallten nach. „Ihr Sünder, geht in Euch, sonst werdet ihr in der Hölle braten. Sodom und Gomorrah über euch.“
Unsere Metzgerbäs hat sich tagelang geschämt.
    Lange war diese Begebenheit Tagesgespräch an den Stammtischen der Wirtschaften. Unser Metzgervetter mußte tagelang daheim dafür büßen. Es ging ihm nicht gut. Zur Strafe mußte er Gelbe Rüben, die er ums Verrecken nicht mochte, essen. Auch der Ehestreik seines Weibes war eine böse Strafe. Doch der Alkohol hat ihn getröstet.
 


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