Fritz Barth

Justinus Kerner, Arzt und Dichter; aber auch Spiritist?

Justinus Kerner
Dichter und Arzt Dr. Justinus Kerner,
1786–1862

Auf Letzteres soll, nach entsprechendem Quellenstudium, näher eingegangen werden.

Der Weinsberger Oberamtsarzt Dr. Justinus Kerner, der 1811 Badearzt in Wildbad war, wurde 1842 vom Möttlinger Pfarrer Johann Christoph Blumhardt vor Beginn seiner Heilhandlungen, Dämonen- und Teufelsaustreibungen an der Gottliebin Dittus um ärztlichen Rat gefragt. Besonders auch deshalb, da Justinus Kerner selbst jahrelange und reiche Erfahrungen bei der Beobachtung der Geister und Dämonen der Friederike Hauffe gemacht hatte

Und dies, obwohl Pfarrer Blumhardt schon als Theologiestudent 1825 in Tübingen an den Vorlesungen des Professors Adam Carl August von Eschenmayer teilgenommen hatte. Diese Vorlesungen behandelten die Wirkungen des magnetischen (hypnotischen) Schlafs, ferner die Phänomene des Somnambulismus (Schlafwandeln), Reden im hypnotischen Schlaf und ekstatischen Traum (Wahrnehmung früherer oder zukünftiger Ereignisse).

Pfarrer Blumhardt war deshalb für seinen „Möttlinger Kampf“ nicht ganz unvorbereitet, trotzdem beratschlagte er sich bei Justinus Kerner. Blumhardt lehnte es aber ab, sich der sogenannten „Geister- und Dämonenwelt“ in der Haltung des Forschers zu nähern, dem es um die genaue Erkenntnis seiner Gegenstände zu tun ist, wie Dieter Ising im Begleitbuch zur Möttlinger Ausstellung schreibt.
Friederike Hauffe
Friederike Hauffe, geb. Wanner, 1801–1829,
die „Seherin von Prevorst“

Blumhardt experimentierte nicht wie Prof. Eschenmayer und Justinus Kerner, sondern handelte in Möttlingen und später in Bad Boll immer als Seelsorger, dem es um Befreiung der geistig Kranken von den „Dämonen“ ging und dabei fest auf den Sieg Jesu Christi durch Gebete vertraute. Justinus Kerner wirkte mehr als forschender Arzt, trotz seiner mystischen Veranlagung als Geisterkenner und später auch als Geisterseher. Seine Tochter Marie Niethammer sagte in dieser Hinsicht:
    „Sehr im Irrtum sind diejenigen, die glauben, mein Vater habe seine Forschungen auf diesem Gebiet fantastisch betrieben und sich und andere hineingesteigert. Es sind reine Tatsachen, die er niederschrieb, die mit klaren Blicken beobachtet wurden, nicht nur von ihm, sondern von Männern jeden Standes und Alters. Wie viele Männer, welchen der Gespensterglaube, ja jeder Glaube überhaupt fern lag, kamen mit dem festen Vorsatz, nichts zu glauben und der Sache auf den Grund zu kommen und gingen oft erschüttert von jener so einfachen Frau Friederike Hauffe fort, erfüllt von den unbestreitbaren Tatsachen, die sie erfahren mußten, und die sie trotz allem kalten und besonnenen Forschen nicht auszuklügeln vermochten.“

Manche seiner Zeitgenossen haben diese Seite Kerners als etwas Krankhaftes angesehen. Über die teilweise herrschende, und auch seine eigene Meinung dichtete damals Justinus Kerner:

Flüchtig leb ich durchs Gedicht,
Durch des Arztes Kunst nur flüchtig;
Nur wenn man von Geistern spricht,
Denkt man mein noch und – schimpft tüchtig.“

    Diese Selbsterkenntnis traf nicht zu, denn Kerner wurde und wird heute besonders als Dichter hoch verehrt.
Johann Christop
Johann Christoph Blumhardt,
1805–1880, (Altersbild),
Pfarrer in Möttlingen, später in Bad Boll

Die exakte Naturwissenschaft hatte damals versäumt, zu erkennen, daß bei Ausnahmeindividuen mit bestimmten Empfindungsschwellen höchst Merkwürdiges zu Tage treten kann, wie Kerner meinte. Dieser Glaube an das Mystische, an Geister und Dämonen, war im 19. Jahrhundert noch weit verbreitet und gibt noch heute Rätsel auf. Besonders die von Blumhardt geschilderten Materialisationen im Leibe der Gottliebin Dittus in Möttlingen und manches, was Kerner über die Friederike Hauffe schrieb, wirken unglaubhaft.

Schon in den Tageszeitungen um 1825 wurde die „Seherin“ Friederike Hauffe für eine Betrügerin und ihr Arzt Justinus Kerner als der Betrogene bezeichnet.

Ähnlich ging es Pfarrer Blumhardt auch von Seiten des Konsistoriums und manchen seiner Kollegen waren die Vorkommnisse in Möttlingen nicht geheuer. Calmbachs Pfarrer Carl Maximilian Eifert war einer der Kollegen, der sich damals entschieden gegen die seiner Ansicht nach „betrübenden“ religiösen Mißstände wandte, die von Möttlingen herüberdrangen. Zu deren Abwehr führte er zusätzliche Bibelstunden ein.
Gottliebin Dittus
Gottliebin Dittus, 1815–1872,
die von Dämonen befallene Möttlingerin

Auch die Pietisten sprachen von den Möttlinger Vorkommnissen zunächst von „Katholischem Zeug“, bis sie selbst der Erweckungs- und Bußbewegung, die weit in den Schwarzwald hineinreichte, beitraten.

Aber was war in Weinsberg geschehen?

Bei der 1801 im württembergischen Dorf Prevorst geborenen Friederike Wanner (Tochter eines Revierförsters), seit ihrem 20. Lebensjahr mit einem gewissen Hauffe verheiratet, hatte sich um 1825 eine ähnliche Dämonen- und Geisterbesessenheit gezeigt, wie 1842 in Möttlingen.

Vom 25. November 1826 bis zu ihrem Tode am 25. August 1829 zu Löwenstein kämpfte Oberamtsarzt Justinus Kerner mit sehr unterschiedlichen Erfolgen mit ihren Geistern und Dämonen und auch leiblichen Krankheiten. Ihre oft auftretenden Krämpfe behandelte Kerner mit magnetischen Strichen nach der Magnetotherapie1 von F. A. Mesmer.

Mehr als 3000 mal suchte Justinus Kerner die Friederike Hauffe auf, um sie zu beobachten, sie und ihre Geister im hypnotischen Schlaf zu befragen und ihr Linderung zu verschaffen. Die letzten 2 Jahre verbrachte Friederike im Hause Justinus Kerners in Weinsberg.

Über die Beobachtungen und Erfahrungen seiner Experimente, über das sogenannte „Nachtleben ihrer Seele“ schrieb Kerner 1829 sein Buch „Die Seherin von Prevorst“, das weithin Verbreitung fand, viel Zustimmung, aber auch harte Kritik, hervorrief. Bereits 1832 wurde von der Cotta’schen Buchhandlung auf 308 Seiten die 2., vermehrte und verbesserte Auflage der „Seherin von Prevorst, Eröffnungen über das innere Leben des Menschen und über das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsere“ herausgebracht. Weitere Auflagen folgten.

Kerner kann deshalb als einer der Wegbereiter des Spiritismus2 im 19. Jahrhundert bezeichnet werden.
    „Aber Kerners Erfahrungen auf dem Gebiet der Mystik sind nicht nur auf Friederike Hauffe beschränkt gewesen. Er hat bis zu seinem Tode 1862 die Ansicht vertreten und verfochten, daß zwischen dem Reich der Menschen und dem Reich der sogenannten „Geister“ Grenzberührungen vorhanden sind“ (nach Dr. Carl du Prel).

Bereits schon aus ihren Kinderjahren sind bei Friederike Hauffe zahlreiche Fälle von Ahnungen, Visionen, Zweites Gesicht, Gedankenlesen und Doppelgängerei verbürgt. Kerner sagte, daß sie selbst im Wachen nie eigentlich wach im gewöhnlichen Sinn des Wortes war.

David Friedrich Strauß, der evangelische Theologe und Philosoph, schrieb über seinen Besuch bei Kerner in Weinsberg über die „Seherin“ auszugsweise wie folgt:
    „Die Unterhaltung bei Friederike Hauffe mit oder über selige oder unselige Geister wurde mit einer Wahrheit durchgerührt, daß wir nicht zweifeln konnten, hier wirklich eine Seherin, teilhabend des Verkehrs mit einer höheren Welt, vor uns zu haben.“

Bemerkenswert ist auch, daß Prof. von Eschenmayer, bei dem der spätere Pfarrer Blumhardt, wie vorstehend schon genannt, 1825 einige Vorlesungen über Psychologie und Mystik belegte, ebenfalls 1827 nach Weinsberg reiste, um dem Phänomen der Seherin auf den Grund zu kommen. Unter anderem studierte er dort ihre aus dem Inneren heraus aufgezeichneten Sonnen- und Lebenskreise und versuchte diese zu erklären.

Vieles damals und besonders heute Unerklärliche beschreibt Justinus Kerner in seinem Buch. Einiges davon in Kurzfassung zusammengestellt:

  • Geistersehen der Friederike.
  • Sprechen ihrer Geister. Wahrsagen, zutreffende Ahnungen und Träume.
  • Gegenstände, die sich ohne Anlaß fortbewegten.
  • Aufhebung der Schwerkraft bei der Seherin.
  • Selbstverordnung der Seherin mit Arzneien aus dem Innern heraus im somnambulen Zustand (Schlafwach). Auch Bestimmung der Arzneien für Andere.
  • Ergebnisse seiner Experimente mit Materialien (Metalle).
  • Ergebnisse seiner Experimente mit Pflanzen und tierischen Stoffen und ihre jeweiligen Einwirkungen auf die Seherin.
  • Versuche mit Traubensorten durch Prof. Göritz, Hohenheim.

Mitzuteilen ist auch, daß Justinus Kerner der Friederike Hauffe das 1826 in Bonn erschienene Buch des Prof. Müller „Über phantastische Geistererscheinungen und Gesichtstäuschungen“ gekauft hat. Kerner machte sie auch mit den Visionen von Nicolai bekannt. Er bat die Hauffe, ihre Erscheinungen zu prüfen und mit den in der Schrift des Prof. Müller geschilderten zu vergleichen und sich belehren zu lassen. Der Friederike Hauffe war demnach bekannt, was andere über Geister schrieben.

Justinus Kerner bat mehrfach die Hauffe, daß sie bewerkstelligen soll, daß er auch einmal einen Geist höre. Als später Kerner sehr oft Geister hörte, drang er in sie, ihm auch ein Geistersehen zu ermöglichen. Darauf schrieb die Hauffe im schlafwachen Zustand folgenden Vers:

Diese Sehnsucht dir zu stillen,
Lieget nicht in meinem Willen,
Wär’ es gut dir, würd’s geschehn;
Hörtest sie, nun willst sie sehn.
Sahst du sie, dann willst sie greifen,
Nichts als zarte Wolkenstreifen.
Nein, zur Untersuchung stehn
Sollen dir sie, halten Stich.
Also ist der Mensch und war auch ich.

    Es gab darauf Kritiker, welche behaupteten, durch diese Sucht Kerners, Geister auch sehen zu wollen, seien erst diese Geister in Friederike Hauffe gelegt worden.

Erstmals am 8. Dezember 1828 sah Justinus Kerner, wie er in seinem Buch festhielt, selbst eine Geistererscheinung.

Kerner schrieb über das Hinscheiden der Friederike Hauffe:
    „Um 10 Uhr sah die Schwester eine hohe Lichtgestalt ins Zimmer treten und im gleichen Moment tat die Sterbende einen heftigen Schrei der Freude. Ihr Geist schien da die Hülle zu verlassen.“

Es muß ernstlich gefragt werden, ob begründbar ist, daß unser jetziges, von der Natur abgekommenes, Geschlecht keine diesbezüglichen Wirkungen mehr hervorbringen kann.
Carl Maximilian E
Carl Maximilian Eifert, 1808–1888,
Pfarrer in Calmbach und Filial Höfen
von 1840 bis 1849

Vielleicht zu einfach hat es sich der aufgeklärte Calmbacher Pfarrer Carl Maximilian Eifert gemacht, indem er beispielsweise die „betrübenden“ Vorgänge in Möttlingen in seinem 1850 erschienenen Buch „Nachrichten zur Geschichte von Calmbach und Höfen“ kritisierte und eine seiner Ansicht nach ähnliche Sache 1845 anging und wie folgt zur Lösung brachte:
    „Ein Fall von vermeintlicher Teufelsbesessenheit eines Küferjungen, der manchen unerklärlich scheinenden Zufallen unterworfen war, brachte im Dezember des Jahres die Gemeinde Calmbach in nicht geringe Aufregung, umsomehr als von Möttlingen her betrübende religiöse Mißverständnisse in den Schwarzwald eindrangen. Glücklicherweise gelang es dem Pfarrer, der den Buben in sein Haus nahm, durch eine tüchtige Mixtur gegen die Würmer den Teufel auszutreiben.“
    Fraglich ist natürlich, ob dies mit den Krankheitsbildern der Friederike Hauffe und der Gottliebin Dittus vergleichbar war.

Auffallend ist und soll besonders hervorgehoben werden, daß Männer wie Justinus Kerner, Prof. Adam Carl August von Eschenmayer, Pfarrer Johann Christoph Blumhardt und der Theologe und Philosoph David Friedrich Strauß miteinander Querverbindungen pflegten und teilweise ihre Erfahrungen und Beobachtungen austauschten.
    Ihre Heilmethoden waren aber unterschiedlich. Einerseits durch ärztliches Forschen, andererseits als Seelsorger nur mit der Kraft des Gebets.

1 Magnetotherapie nach Franz Anton Mesmer (1734–1815): Heilbehandlung durch tierischen Magnetismus. Es handelt sich dabei um die Wirkung nicht näher bekannter Kräfte, die von besonders begabten Personen ausgehen und durch Bestreichen oder Berühren mit den Händen auf andere übergehen. Diese Methode wurde durch Mesmer entdeckt und zur Krankenbehandlung eingeführt. (Mesmerismus) Damit kann man auf Gefäß- und Nervensystem einwirken und Heilungen hervorrufen. Um Magnetismus im physikalischen Sinne handelt es sich dabei nicht. Die exakte Wissenschaft leugnet das Vorhandensein dieser Kräfte und deutet die Wirkungen als versteckte Suggestion.

2 Spiritismus (Geisterglauben): Die Ansicht, daß eine Verständigung zwischen Seelen Verstorbener und Lebender möglich ist. Der Spiritismus belebte sich in Europa seit dem 19. Jahrhundert wieder und versuchte zum Teil mit wissenschaftlichen Methoden, die Geisterwelt zu erforschen. Durch besonders geeignete Medien in Trance (schlafähnlichem Zustand), Klopflaute, Bewegung von Gegenständen (Tischrücken), Klopfalphabete und anderes versuchten die Verstorbenen, sich verständlich zu machen. Auch Materialisationserscheinungen sollen auftreten.

 

Quellenhinweise:

Internetlinks zu Justinus Kerner u. A.
 

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